|





|
Fabelverzeichnis
weiter zu Äsop 2
Index
Der Adler
Oben auf einem Felsen saß ein Adler und spähte nach Hasen aus.
Da schoss einer auf
ihn: Der Pfeil durchbohrte ihn, und der
rückwärtige Teil des Pfeiles mit den Federn
stand ihm vor den
Augen. Da sprach er: »Das ist zusätzliches Leid, dass meine
eigenen Federn mich töten.«
Dies zeigt, wie schlimm es ist, wenn einen die Seinigen
gefährden.
Der Adler und der Fuchs

Adler und Fuchs schlossen Freundschaft miteinander. Sie
entschieden sich, nahe
beieinander zu wohnen. Das gemeinsame
Leben sollte die Vertrautheit festigen.
Der Adler flog auf einen
sehr hohen Baum und brütete dort seine Jungen aus;
der Fuchs
kroch in ein darunter liegendes Gebüsch und brachte dort seine
Kinder zur
Welt. Aber eines Tages ging der Fuchs auf Nahrungssuche. Da stieß der
Adler, weil er
kein Futter hatte, in das Gebüsch hinab, raubte
die Jungen und verzehrte sie
gemeinsam mit seinen eigenen
Jungen. Als der Fuchs zurückkam und sah, was passiert war, war er über
den Tod seiner Kinder
genauso verbittert wie über seine
Hilflosigkeit; denn weil er am Boden lebte, konnte er
einen
Vogel nicht verfolgen. Deshalb trat er von dem Baum weit zurück
und verfluchte
den Feind, was den Schwachen und Machtlosen als
einzige Möglichkeit bleibt.
Doch es traf sich, dass er auf die Bestrafung für den Verrat der
Freundschaft nicht
lange warten musste. Denn als irgendwelche
Leute auf dem Feld eine Ziege opferten,
stieß der Adler herab,
nahm vom Altar ein noch glimmendes Stück der Eingeweide des
Opfertieres und trug es zu sich hinauf. Als er es in sein Nest
geschafft hatte,
kam plötzlich ein heftiger Wind auf und
entfachte aus dem leichten und dürren Reisig
eine helle Flamme.
Daraufhin verbrannten die Jungen – denn sie waren noch nicht
flügge – und fielen auf die Erde. Der Fuchs lief herbei und
verzehrte sie alle vor den
Augen des Adlers.
Die Geschichte lehrt, dass diejenigen, die die Freundschaft
verraten, auch wenn sie
der Bestrafung durch die Geschädigten
entgehen, weil diese dazu nicht in der Lage
sind, der Rache der
Götter auf keinen Fall entkommen.
Anmerkung: Der Lyriker Archilochos (7.Jhd.)
verwendete diese Fabel, um sich an seinem verhinderten
Schwiegervater Lykambes zu rächen. Dieser hatte Archilochos
seine Tochter Neobule versprochen,
sein Versprechen aber nicht
eingelöst.
Der Adler und der Fuchs 1
Der Adler
geriet einstens in Gefangenschaft. Der Mann, der ihn
gefangen hatte,
stutzte ihm die Flügel und hielt ihn im
Hause bei den Hühnern. Doch der Adler blieb
stolz, einem
König gleich, den man in Fesseln warf, und mochte vor Trauer
keine
Nahrung anrühren. Schließlich kaufte ihn ein anderer;
der ließ dem Adler die Flügel
wachsen, salbte sie mit Öl und
erlaubte ihm, frei herumzufliegen. Da erhob sich der
Vogel
in die Lüfte, packte mit seinen Fängen einen Hasen und
brachte ihn seinem Herrn
zum Geschenk. Das sah der Fuchs und
sprach zu dem Adler: »Nicht dem da gib,
sondern dem ersten!
Denn dieser ist von Natur aus gut; jenen aber musst du dir
geneigt machen, dass er dir, fängt er dich ein zweites Mal,
nicht wieder die Federn
nehme!«
Den
Wohltätern soll man Gutes mit Gutem vergelten, die Bösen
durch Klugheit
umstimmen.
Der Adler, die Dohle und der Hirte

Ein Adler stieß von einem hohen Felsen hinab und raubte ein
Lamm. Eine Dohle sah ihm
dabei zu und wollte es ihm gleichtun.
Daraufhin flog sie mit rauschenden Flügeln auf
den Rücken eines
Widders. Aber ihre Krallen verfingen sich in seinem dichten
Fell.
Sie kam nicht mehr los und flatterte so lange, bis der
Hirte, der sah, was geschah,
eilig herkam und die Dohle fing.
Dann stutzte er ihr die Flügel, und als der Abend kam,
brachte
er sie seinen Kindern. Als sie fragten, was das für ein Vogel
sei, erwiderte er:
»Wie ich mit Sicherheit weiß, ist es eine
Dohle, wie sie es sich aber wünscht,
ein Adler.«
So bringt der Wettstreit mit Überlegenen außer der
Erfolglosigkeit und dem Schaden
auch noch Spott ein.
Der Adler und die Schildkröte

Eine Schildkröte sah einen Adler fliegen und wollte selbst auch
einmal fliegen. Sie ging
zu ihm hin und bat ihn, ihr um jeden
Preis das Fliegen beizubringen. Er aber sagte, dies
sei
unmöglich. Und als sie ihn noch weiter drängte und bat, hob er
sie empor und hoch
n den Lüften ließ er sie auf einen Felsen
fallen. Durch diesen Sturz zerbrach sie und
starb.
Die Geschichte zeigt, dass viele Menschen sich selbst mit ihren
ehrgeizigen Plänen
schaden.
Der Adler und der Mistkäfer

Ein Adler verfolgte einen Hasen. Er fand aber niemanden, der ihm
hätte helfen können.
Da sah er einen Mistkäfer, der ihm im
rechten Augenblick begegnete, und bat ihn um Hilfe. Der aber
sprach ihm Mut zu, als er den Adler heran fliegen sah; er
forderte diesen
auf, ihm seinen Schützling nicht wegzunehmen.
Der Adler aber verachtete die Kleinheit
des Mistkäfers und fraß
den Hasen vor dessen Augen auf.
Der Mistkäfer aber vergaß das erlittene Unrecht nicht und
beobachtete fortwährend
den Adlerhorst, und jedes Mal, wenn der
Adler Eier legte, kam der Mistkäfer nach oben,
wälzte die Eier
aus dem Nest und ließ sie zerbrechen, bis der Adler, der
nirgendwo mehr
einen Platz zum Brüten fand, bei Zeus Zuflucht
suchte – ist er doch der heilige Vogel
des Gottes – und ihn bat,
ihm einen Platz für eine sichere Aufzucht seiner Jungen zu
gewähren. Da ließ ihn Zeus seine Eier in seinen Schoß legen. Der
Mistkäfer sah dies,
machte eine Kugel aus Mist, flog nach oben
und dort angekommen legte er sie Zeus in
den Schoß. Als Zeus
aber aufstand, weil er den Mist von sich abschütteln wollte,
ließ
er aus Versehen auch die Eier fallen. Von der Zeit an – so
heißt es – brüten die Adler
nicht, solange die Mistkäfer
fliegen.
Die Geschichte lehrt: Man soll niemanden unterschätzen und
bedenken, dass niemand
so machtlos ist, dass er sich nicht
rächen kann, wenn er einmal schlecht behandelt
wurde.
Der Affe, der zum König gewählt wurde, und der Fuchs

In einer Versammlung der vernunftlosen Tiere erwarb sich der
Affe großes Ansehen und
wurde von ihnen zum König gewählt. Der
Fuchs aber beneidete ihn darum.
Als er in
irgendeinem Netz ein
Stück Fleisch hängen sah, führte er den Affen dorthin und sagte,
er habe einen Schatz gefunden. Er selbst brauche ihn nicht, habe
ihn aber dem Affen
als Ehrengabe für seine Königswürde
aufgehoben. Er bitte ihn darum, den Schatz
anzunehmen. Als der
Affe ohne zu zögern an die Falle herantrat, sich in der Falle
verfing und dem Fuchs vorwarf, er habe ihn reingelegt, sagte der
Fuchs zum Affen: »Du
Affe, mit einer solchen Einstellung willst
du der König der vernunftlosen Tiere sein?«
So ziehen sich diejenigen, die sich ohne Überlegung auf etwas
einlassen, außer dem
Unglück auch noch den Spott zu.
Der Affe und die Fischer
Ein Affe saß auf einem hohen Baum, als er sah, wie Fischer ihr
Netz auswarfen.
Er beobachtete, was sie taten. Als jene das Netz
einzogen und dann in einiger
Entfernung ihr Frühstück einnahmen,
stieg der Affe vom Baum und versuchte, dasselbe
zu tun. Denn man
sagt, er sei ein Lebewesen, das andere nachahmen könne. Er nahm
das Netz in die Hand. Als er sich darin verfing, sagte er zu
sich selbst: »Ach, das
geschieht mir recht. Denn warum habe ich
versucht zu fischen, ohne etwas davon zu
verstehen.?«
Die Geschichte zeigt, dass die Beschäftigung mit Dingen, von
denen man nichts
versteht, nicht nur sinnlos, sondern auch
gefährlich ist.
Der Affe und das Kamel beim Tanz
In einer Versammlung der vernunftlosen Tiere stand ein Affe auf
und tanzte. Als er
dafür sehr viel Beifall bekam und von allen
gelobt wurde, wurde ein Kamel neidisch und
wollte dasselbe
erreichen. Deshalb stand es auf und versuchte ebenso zu tanzen.
Weil es aber viel Unfug machte, ärgerten sich die Tiere,
schlugen es mit Stöcken und
trieben es fort.
Die Geschichte passt auf diejenigen, die aus Neid mit Größeren
in einen Wettstreit
treten und dann unterliegen.
Der alternde Löwe und der Fuchs

Der Löwe war alt geworden und konnte sich nicht mehr aus eigener
Kraft seine
Nahrung beschaffen. Er sah ein, dass er dies nur mit
einer List bewerkstelligen könne.
So begab er sich in seine
Höhle, legte sich dort hin und tat so, als ob er krank sei.
Und
auf diese Weise packte er die Tiere, die zu ihm kamen, um ihn zu
besuchen, und fraß sie auf. Nachdem er schon viele Tiere
gefressen hatte, durchschaute der
Fuchs dessen List und ging zu
ihm. Und er trat in sicherem Abstand vor den Eingang
der Höhle
und fragte, wie es ihm gehe. Der Löwe antwortete: »Schlecht.«
Dann fragte
der Löwe nach dem Grund dafür, warum er nicht
hereinkomme. Der Fuchs erwiderte:
»Ja, ich wäre schon
hineingegangen, wenn ich nicht die Spuren vieler anderer sehen
würde, die hineingingen, während keiner herauskam.«
So entgehen die vernünftigen Menschen den Gefahren, weil sie
aufgrund bestimmter
Anzeichen voraussehen.
Der alte Mann und der Tod
Ein alter Mann schlug einmal Holz, nahm es auf den Rücken und
machte sich auf einen
langen Weg. Weil ihn der Weg müde machte,
legte er seine Last ab und rief nach dem
Tod. Als der Tod
erschien und wissen wollte, weshalb er ihn rufe, sagte der Mann:
»Damit du meine Last auf deinen Rücken nimmst.«
Die Geschichte zeigt, dass jeder Mensch an seinem Leben hängt,
auch wenn es ihm
sehr schlecht geht.
Der Angeber
Ein Fünfkämpfer wurde bei jeder Gelegenheit von seinen
Mitbürgern wegen seiner
Unfähigkeit beschimpft. Da begab er sich
einmal eine Zeit lang ins Ausland. Dann kam
er zurück und
prahlte mit seinem Können. Er behauptete, er habe in anderen
Städten
viele große Leistungen vollbracht und sei auf Rhodos so
weit gesprungen, wie es kein
Olympiasieger jemals geschafft
habe. Dafür – so behauptete er – könne er auch
beliebig viele
Zeugen aufbieten, wenn sie erst einmal hier seien. Einer der
Anwesenden
ergriff das Wort und sagte zu ihm: »Aber mein lieber
Freund, wenn dies wahr ist,
dann brauchst du doch keine Zeugen.
Denn hier ist Rhodos; hier kannst du springen!«
Die Geschichte zeigt folgendes: Wenn man etwas durch Taten
beweisen kann,
dann erübrigt sich jedes Wort darüber.
Der Angsthase, der einen goldenen Löwen fand
Ein geldgieriger Angsthase fand einmal einen goldenen Löwen. Er
sagte zu sich selbst:
»Ich weiß nicht, was unter diesen
Umständen mit mir geschehen wird. Ich bin
wahnsinnig vor Angst
und weiß nicht, was ich tun soll. Meine Habgier und meine
Feigheit lassen mich auseinander brechen. Welcher Zufall oder
welcher Dämon konnte
einen goldenen Löwen erzeugen? Meine Seele
kämpft mit sich selbst, wenn ich dies
sehe. Sie liebt zwar das
Gold, fürchtet aber das Werk aus Gold. Den Fund zu berühren,
treibt mich mein Verlangen, mich zurückzuhalten mein Charakter.
Ach, was für ein
Zufall, der mir etwas gibt und nicht erlaubt,
es anzunehmen! Ach Schatz, der du keine
Freude bringst! Ach, du
gnadenlose Gnade eines Gottes! Was soll ich tun? Wie soll ich
damit umgehen? Welche Hilfe soll ich nutzen? Ich werde weggehen,
um meine
Angehörigen hierher zu bringen und sie durch
Beteiligung am Gewinn zur Hälfte zu
verpflichten, und ich selbst
werde von weitem zusehen.«
Die Geschichte passt auf einen Reichen, der es nicht wagt seinen
Reichtum anzurühren
und zu nutzen.
Der Arzt auf einer Beerdigung
Ein Arzt ging hinter dem Sarg eines seiner Verwandten her und
sagte zu denen, die ihm
das letzte Geleit gaben, dieser Mensch
wäre nicht gestorben, wenn er sich des Weines
enthalten und ein
Klistier gebraucht hätte. Einer von ihnen erwiderte ihm: »Ja, du
hättest das jetzt, wo es nutzlos ist, nicht sagen dürfen,
sondern du hättest es ihm
damals sagen sollen, als er deinen Rat
noch hätte befolgen können.«
Die Geschichte zeigt, dass man seinen Freunden dann, wenn es
erforderlich ist, helfen
muss, aber nicht erst, nachdem ein
Unglück geschehen ist, klug daherreden darf.
Der Astrologe
Ein Astrologe ging jeden Abend ins Freie, um die Sterne zu
beobachten. Und als er sich
einmal in die Gegend vor der Stadt
begab und ganz damit beschäftigt war, zum Himmel
hinauf zu
schauen, fiel er aus Versehen in einen Brunnen. Als er dann
jammerte und um
Hilfe rief, hörte ein Spaziergänger sein
Geschrei. Er ging hin und erfuhr, was passiert
war. Darauf sagte
er zu ihm: »Lieber Mann, versuchst du, die Erscheinungen am
Himmel zu durchschauen und siehst die Dinge auf der Erde nicht?«
Diese Geschichte könnte man auf diejenigen Menschen anwenden,
die sich besonders
wichtig nehmen, aber nicht in der Lage sind,
die alltäglichen Aufgaben der Menschen
zu erledigen.
Anmerkung: Die »Fabel« ist nicht nur hier
überliefert: Vgl. auch Platon, Theaitetos 174a; Diogenes
Laertios 1,34; Antipatros, Anthologia Palatina 7, 172.
Der badende Junge
Ein Junge badete einmal in irgendeinem Fluss und drohte zu
ertrinken. Aber er sah
einen Wanderer und rief um Hilfe. Dieser
aber warf dem Jungen seine Unvorsichtigkeit
vor. Der Junge
erwiderte ihm: »Ja, doch jetzt hilf mir und mach mir später
Vorwürfe,
wenn ich in Sicherheit bin.«
Die Geschichte passt auf diejenigen, die selbst Anlass dazu
geben, dass ihnen Unrecht
getan wird.
Der Bauer und die Esel
Ein Bauer
war auf dem Lande alt geworden, und weil er lange nicht mehr
in die Stadt
gekommen war, bat er seine Leute, sie möchten
ihn doch die Stadt sehen lassen.
Die machten einen Wagen
fertig und spannten ein paar Esel davor. »Du brauchst sie
nur anzutreiben«, sagten die Verwandten, »sie werden dich
dann schon ans Ziel
bringen.« Als jedoch ein Sturm aufkam, der den Himmel verfinsterte,
verloren die Esel den Weg
und verirrten sich an einen
abschüssigen Ort. Da erkannte der Bauer die Gefahr,
die ihm
drohte, und rief: »O Zeus, was habe ich dir Böses getan,
dass ich so zugrunde
gehen muss, und das nicht durch edle
Pferde und auch nicht durch respektable
Maultiere, sondern
durch elende Esel!«
Dass
es besser ist, anständig zu sterben als ehrlos zu leben,
beweist diese Fabel.
Der Bauer und seine Söhne

Ein Bauer lag im Sterben und wollte seine Söhne noch einmal in
die Landwirtschaft
einweisen. Er rief sie also zu sich und sagte:
»Meine Söhne, in einem meiner Weinberge
liegt ein Schatz
vergraben.« Nach seinem Tode nahmen sie Harken und Spaten und
gruben ihren ganzen Bauernhof um. Aber sie fanden den Schatz
nicht. Der Weinberg
aber brachte ihnen eine vielfach größere
Ernte.
Die Geschichte zeigt, dass die anstrengende Arbeit ein Schatz
für die Menschen ist.
Der Bauer und die Schlange

Eine Schlange kroch an den Sohn eines Bauern heran und tötete
ihn. Der Bauer wurde
von diesem Unglück tief getroffen. Er nahm
eine Axt, begab sich zum Schlupfloch der
Schlange und lauerte
ihr auf, um sie, wenn es ihm möglich wäre, sofort zu erschlagen.
Die Schlange aber konnte ausweichen. Als der Bauer seine Axt
hatte niederfahren
lassen, verfehlte er zwar die Schlange,
spaltete aber einen daneben liegenden Stein.
Daraufhin nahm er
sich sehr vor ihr in acht und schlug ihr vor, sich mit ihm zu
versöhnen. Sie aber sagte zu ihm: »Aber ich kann weder
freundlich zu dir sein,
wenn ich den gespaltenen Stein sehe,
noch du zu mir, wenn du auf das Grab deines
Sohnes blickst.«
Die Geschichte zeigt, dass tiefe Feindschaft nicht so ohne
weiteres eine Versöhnung
möglich macht.
Der Bauer und die Hunde
Ein Bauer wurde auf seinem Hof vom Winter überrascht. Weil er
den Hof nicht mehr
verlassen konnte, um sich Nahrung zu
beschaffen, aß er zuerst seine Schafe.
Der Winter dauerte aber
an. Da aß er auch noch seine Ziegen. Die Lage änderte sich
nicht. Da musste er sich auch noch an seinen Zugtieren
vergreifen. Die Hunde sahen,
was geschah, und sagten zueinander:
»Wir müssen fort von hier. Denn wieso sollte der
Herr uns
schonen, wenn er nicht einmal von seinen Helfern, den Zugtieren,
die Hände
ließ?«
Die Geschichte zeigt, dass man sich vor allem vor denen in acht
nehmen muss,
die nicht einmal davor zurückscheuen, ihren
Angehörigen Unrecht zu tun.
Der Bauer und die Schicksalsgöttin
Ein Bauer fand ein Goldstück, während er in der Erde grub. Er
legte deshalb jeden Tag
einen Kranz auf die Erde, als ob sie ihm
etwas Gutes getan hätte. Da trat die
Schicksalsgöttin an ihn
heran und fragte: »Mein lieber Freund, warum tust du so,
als ob
du der Erde meine Geschenke verdanktest, die ich dir gegeben
habe, weil ich
dich reich machen wollte? Denn wenn sich die
Zeiten ändern und dich wieder in
schlimme Armut bringen, dann
wirst du nicht die Erde, sondern die Schicksalsgöttin
tadeln.«
Die Geschichte lehrt uns, dass man seinen Wohltäter erkennen und
ihm danken muss.
Der Biber
Der Biber ist ein Tier mit vier Füßen, das im Sumpf lebt. Es
heißt, dass seine
Geschlechtsteile zur Behandlung bestimmter
Krankheiten nützlich sind. Wenn ihn nun
jemand entdeckt hat und
verfolgt, weiß er, wozu er verfolgt wird. Er flieht dann zwar
ein Stück weit, indem er sich der Schnelligkeit seiner Füße
bedient, um sich mit seinem
ganzen Körper in Sicherheit zu
bringen. Sobald er aber gefangen zu werden droht,
reißt er sich
seine Geschlechtsteile ab, wirft sie dem Verfolger vor die Füße
und rettet
auf diese Weise sein Leben.
So gibt es auch unter den Menschen Vernünftige, denen man wegen
ihres Geldes
nachstellt. Sie verzichten darauf, um ihre
Sicherheit nicht zu gefährden.
Der Betrüger
Ein armer Mann wurde krank, und es ging ihm sehr schlecht. Da
gelobte er,
den Göttern ein Opfer von hundert Rindern
darzubringen, wenn sie ihn retteten.
Die Götter wollten ihn auf
die Probe stellen und ließen ihn ganz schnell wieder gesund
werden. Und er kam tatsächlich wieder auf die Beine. Weil er
aber keine echten Rinder
besaß, formte er hundert Rinder aus
Wachs, verbrannte sie auf einem Altar und sagte:
»Nehmt die
Erfüllung meines Versprechens an, ihr Götter!« Die Götter aber
wollten ihn
dafür auf ihre Weise hereinlegen und schickten ihm
einen Traum: Sie rieten ihm, an den
Strand zu gehen; denn dort
werde er eintausend Drachmen finden. Dort fiel er dann
Räubern
in die Hände und wurde fortgebracht. Er wurde von ihnen verkauft
und fand
auf diese Weise eintausend Drachmen.
Die Geschichte passt auf einen Betrüger.
Der Blinde
Ein Blinder hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jedes Tier,
das man ihm in die
Hände legte, zu betasten und dann zu sagen,
was es für ein Tier sei. Einmal gab man
ihm einen jungen Wolf.
Er betastete ihn, war sich aber nicht sicher und sagte:
»Ich
weiß es nicht, ob es das Junge eines Wolfes, eines Fuchses oder
eines ähnlichen
Tieres ist. Doch weiß ich genau, dass es nicht
günstig ist, dieses Tier in eine
Schafherde zu lassen.«
So lässt sich auch das Wesen böser Menschen oft an ihrer äußeren
Erscheinung
erkennen.
Der Delphin und der Affe
Seeleute nehmen gewöhnlich Malteserhündchen und Affen mit an
Bord, um auf ihrer
Seereise Abwechslung zu haben. So nahm denn
auch einer einen Affen mit, als er in
See stechen wollte. Als
sie an das Kap Sunion (das ist das Vorgebirge der Athener)
kamen, geschah es, dass ein heftiger Sturm aufkam. Nachdem das
Schiff gekentert
war, und alle um ihr Leben schwammen, schwamm
auch der Affe mit. Ein Delphin sah
ihn, glaubte, es sei ein
Mensch, nahm ihn auf seinen Rücken und schwamm mit ihm zum
Festland. Als er in die Nähe des Piräus, des Hafens der Athener,
kam, fragte er den
Affen, ob er ein Athener sei. Als der Affe
daraufhin sagte, er habe dort auch berühmte
Vorfahren, fragte
ihn der Delphin als zweites, ob er den Piräus kenne. Weil er
glaubte,
er meine einen Menschen, behauptete er, es sei sein
vertrauter Freund. Da ärgerte
sich der Delphin über dessen Lüge,
tauchte unter und ließ ihn ertrinken.
Die Geschichte passt gut auf einen Lügner.
Der Dieb und der Wirt
Ein Dieb kehrte in einer Herberge ein. Dort blieb er ein
paar Tage, auf eine Gelegenheit
wartend, etwas zu stehlen;
aber es fand sich keine. Eines Tages nun bemerkte er,
dass
der Wirt einen schönen, neuen Rock trug – es war nämlich ein
Festtag – und sich
vor der Tür der Herberge niederließ;
sonst jedoch war niemand da.
Also trat der Dieb
hinzu,
setzte sich zu dem Wirt und zog diesen ins Gespräch. Und als
sie schon eine
gute Weile erzählten, riss er plötzlich den
Mund weit auf, und im selben Augenblick,
in dem er den Mund
aufriss, heulte er wie ein Wolf. Auf die Frage des Wirtes:
»Was ist
mit dir los?« antwortete der Dieb: »Das will ich
dir gleich erklären; aber ich bitte dich,
pass auf meine
Sachen auf! Die werde ich nämlich hier lassen. Also, lieber
Herr, ich weiß
nicht, woher diese Maulsperre kommt, ob von
meinen Sünden oder aus welcher
Ursache sonst, ich kann es
nicht sagen – jedenfalls, wenn ich jetzt dreimal das Maul
aufreiße, dann verwandle ich mich in einen
menschenfressenden Wolf.« Bei diesen
Worten riss er zum
zweiten Male den Mund auf und heulte wieder wie das
erste Mal.
Indem der Wirt, der dem Dieb Glauben schenkte, das
vernahm, wurde ihm angst, und
er erhob sich und wollte
davonlaufen. Doch der Dieb fasste ihn am Rock und bat ihn
drängend: »Bleib doch, lieber Herr, und nimm meine Sachen,
damit sie mir nicht verloren gehen!« Und während er so bat,
öffnete er den Mund und begann zum dritten
Male zu heulen.
Voller Angst, gefressen zu werden, ließ der Wirt seinen
Rock,
lief eilends in die Herberge und brachte sich im
innersten Winkel in Sicherheit.
Der Dieb aber nahm den
begehrten Rock und ging seiner Wege.
So ergeht es denen, die Unwahres glauben.
Der diebische Junge und seine Mutter

Ein Junge nahm in der Schule die Schreibtafel eines Mitschülers
weg und brachte sie
seiner Mutter. Aber sie verzichtete nicht
nur darauf, ihn zu bestrafen, sondern lobte
ihn sogar dafür.
Beim zweiten Mal stahl er einen Mantel und brachte ihn der
Mutter,
und sie begrüßte dies noch mehr. Die Zeit verging, und
als er ein junger Mann
geworden war, versuchte er, noch größere
Dinge zu stehlen. Aber dann wurde er
schließlich auf frischer
Tat ertappt, gefesselt und zum Henker gebracht. Die Mutter
begleitete ihn und schlug sich vor Trauer auf die Brust. Da
sagte der junge Mann:
»Ich will meiner Mutter etwas ins Ohr
sagen.« Als sie sofort an ihn herantrat,
haschte er nach ihrem
Ohr und biss es ab. Als sie ihm daraufhin vorwarf, dass er
keinen Respekt vor ihr habe, sagte er: »Aber wenn du mich
damals, als ich als erstes
die Schreibtafel stahl und sie dir
brachte, bestraft hättest, dann wäre ich nicht bis
hierher
gekommen, um hingerichtet zu werden.«
Die Geschichte veranschaulicht, dass alles, was am Anfang nicht
verhindert wird,
sich immer mehr vergrößert.
Der Eber und der Fuchs
Ein Fuchs sah einen Eber seine Hauer an einem Eichstamme wetzen
und fragte ihn,
was er da mache, da er doch keine Not, keinen
Feind vor sich sehe? »Wohl wahr«, antwortete der Eber, »aber
gerade deswegen rüste ich mich zum Streit;
denn wenn der Feind da ist, dann ist es
Zeit zum Kampf, nicht mehr Zeit zum
Zähnewetzen.«
Bereite dich im Glück auf das künftige Unglück; sammle und rüste
in guten Tagen auf
die Schlimmern.
Der eingeschlossene Löwe und der Bauer
Ein Löwe kam auf den Hof eines Bauern. Weil der Bauer ihn fangen
wollte, verschloss er
die Hoftür. Als der Löwe nicht
hinauskommen konnte, tötete er zuerst die Schafe,
dann wandte er
sich auch den Rindern zu. Und weil der Bauer Angst um sich
selbst
hatte, öffnete er das Tor. Nachdem der Löwe freigekommen
war, hörte die Frau den
Bauern klagen und sagte: »Aber du hast
doch nur das bekommen, was gerecht ist.
Denn warum wolltest du
den Löwen einschließen, vor dem du seit langer Zeit Angst
haben
musstest?«
So erdulden diejenigen, die sich mit stärkeren anlegen, mit
Recht die von ihnen
ausgehenden Schandtaten.
Der Eisvogel
Ein Eisvogel ist ein Vogel, der die Einsamkeit liebt und deshalb
immer am Meer lebt.
Es heißt, er niste auf Meeresklippen, um
sich so vor der Verfolgung durch die Menschen
zu schützen. Und
als er einmal brüten wollte, flog er zu einem Berg, der ins Meer
hineinragte, erblickte einen Felsen am Meer und baute dort sein
Nest. Als er aber
einmal ausflog, um Futter zu suchen, geschah
es, dass das Meer von einem gewaltigen
Sturm aufgewühlt wurde
und bis zur Höhe des Nestes anstieg. Es überspülte das Nest,
und
die Jungen kamen um. Als der Eisvogel zurückkam und sah, was
geschehen war,
sagte er: »Ach, was für ein Unglück! Ich mied das
Land, weil ich es für gefährlich hielt,
und zog mich aufs Meer
zurück, das sich als noch unzuverlässiger erwies.«
So geht es auch manchen Menschen, die sich vor ihren Feinden
schützen wollen,
aber nicht merken, dass sie sich Freunden
ausliefern, die noch viel schlimmer sind als
ihre Feinde.
Der Esel auf Probe
Ein Mann kaufte einen Esel, aber nicht gleich endgültig, sondern
er machte eine
Probezeit aus. Als er mit ihm in seinen Hof kam,
wo schon mehrere Esel teils bei der
Arbeit, teils bei der
Abfütterung waren, ließ er ihn frei laufen. Sogleich trottete
der
Neue zu dem faulsten und gefräßigsten Gefährten und stellte
sich zu ihm an die
Futterkrippe. Da legte ihm der Mann den
Strick wieder um den Hals und brachte ihn
dem bisherigen
Besitzer zurück. »So schnell kannst du ihn doch gar nicht erprobt haben«,
wunderte sich der. »O mir genügt, was ich gesehen und erfahren habe: Nach der
Gesellschaft, die er sich
ausgesucht hat, ist er ein übler
Bursche!«
Der Esel und der Eseltreiber
Ein Eseltreiber trieb einen Esel vor sich her. Als sie ein
kleines Stück des Weges
vorangekommen waren, verließ der Esel
den bequemen Pfad und kletterte einen steilen
Abhang hinab. Als
er dann aber abzurutschen drohte, packte der Eseltreiber ihn am
Schwanz und versuchte, den Esel in die richtige Richtung zu
drehen. Als sich dieser
aber heftig dagegen wehrte, ließ er ihn
los und sagte: »Behalte nur die Oberhand!
Denn du trägst einen
schlechten Sieg davon.«
Die Geschichte passt gut auf einen Menschen, der um jeden Preis
die Oberhand
behalten will.
Der Esel und der Fuchs
Ein Esel und ein Fuchs lebten lange freundschaftlich zusammen und
gingen auch miteinander auf die Jagd. Auf einem ihrer Streifzüge kam
ihnen ein Löwe so plötzlich in den Weg, dass der Fuchs fürchtete, er
könne nicht mehr entfliehen. Da nahm er zu einer List seine
Zuflucht. Mit erkünstelter Freundlichkeit sprach er zum Löwen:
»Ich fürchte nichts von dir, großmütiger König! Kann ich dir aber
mit dem Fleische meines dummen Gefährten dienen, so darfst du nur
befehlen.« Der Löwe versprach ihm Schonung, und der Fuchs führte den
Esel in eine Grube, in der er sich fing. Brüllend eilte nun der Löwe
auf den Fuchs zu und ergriff ihn mit den Worten: »Der Esel ist mir
gewiss, aber dich zerreiße ich wegen deiner Falschheit zuerst.«
Den Verrat benutzt man wohl, aber den Verräter liebt man doch nicht.
Der Esel, der Fuchs und
der Löwe
Ein Esel und ein Fuchs schlossen ein Bündnis miteinander und
gingen auf die Jagd.
Als ihnen zufällig ein Löwe begegnete,
erkannte der Fuchs die drohende Gefahr, lief auf
den Löwen zu
und versprach, ihm den Esel auszuliefern, wenn er ihm die eigene
Sicherheit garantiere. Als der Löwe ihm gesagt hatte, dass er
ihn in Ruhe lasse,
führte der Fuchs den Esel an eine Fallgrube
und ließ ihn hineinstürzen. Als dann der
Löwe sah, dass der Esel
nicht weglaufen konnte, packte er zuerst den Fuchs und
machte
sich dann ebenso über den Esel her.
So merken oft diejenigen, die ihre Freunde hintergehen, nicht,
dass sie sich selbst
zugrunde richten.
Der Esel und der Gärtner
Ein Esel diente einem Gärtner. Da er zwar wenig zu fressen bekam
aber viel Böses zu
erdulden hatte, betete er zu Zeus, dass er
ihn von dem Gärtner befreie und einem
anderen Herrn überlasse.
Zeus schickte daraufhin Hermes und ließ ihn dem Gärtner
befehlen, den Esel einem Töpfer zu verkaufen. Dort hatte der
Esel aber erneut Übles zu
erdulden. Als er gezwungen wurde, noch
viel größere Lasten zu tragen und Zeus um
Hilfe anrief, brachte
Zeus den Gerber dazu, ihn zu kaufen. Als dann der Esel sah,
was
sein Herr tat, sagte er: »Ach, es war erstrebenswerter für mich,
bei meinem
früheren Herren Lasten zu tragen und zu hungern als
hier zu bleiben, wo ich, wenn ich
einmal sterbe, nicht einmal
ein Begräbnis bekommen werde.«
Die Geschichte zeigt, dass die Sklaven sich dann besonders nach
ihren früheren Herren
zurücksehnen, wenn sie andere erlebt
haben.
Der Esel und der Hund
Der Esel und der Hund hatten den gleichen Weg. Da fanden sie
auf der Erde ein
versiegeltes Schriftstück. Das hob der Esel
auf, erbrach das Siegel, faltete das Blatt
auseinender und
las den Text dem Hunde vor. Über Weideangelegenheiten
handelte
das Schriftstück, das heißt über Grünfutter, Gerste
und Spreu. Verdrießlich nahm der
Hund zur Kenntnis, was der
Esel vorzutragen hatte. Schließlich unterbrach er ihn: »Sieh
doch einmal ein bisschen weiter unten nach, liebster Freund,
ob du da nicht
etwas über Fleisch und Knochen ausgesagt
findest!«
Der Esel ging das ganze
Schriftstück durch, ohne
finden zu können, wonach der Hund gesucht hatte;
da
entgegnete dieser: »Wirf das Papier fort, mein Lieber; es
ist gänzlich ohne
Bedeutung!«
Der Esel, der Rabe und der Hirt
Auf einer Wiese weidete ein Esel, der sich den Rücken wund
geschunden hatte.
Dies sah ein Rabe, flog auf den Esel zu,
setzte sich auf dessen Rücken und fing an,
mit dem Schnabel in
das rohe Fleisch zu picken. Dies schmerzte den Esel sehr, und obgleich er sich bemühte, den
lästigen Gast los zu
werden, gelang es ihm nicht. Wenige Schritte davon lag sein Hüter, der mit einem Worte den
Raben hätte vertreiben
können. Der aber ergötzte sich an den
tollen und possierlichen Sprüngen und
Gesichtern, welche der
Esel von Schmerz getrieben machte, und lachte laut dazu. »Oh!« rief der Esel aus, »jetzt fühle ich wirklich meine
Schmerzen doppelt, weil mich
auch der verlacht, der mir helfen
könnte und sollte.«
Statt Hilfe Hohn zum Schaden schmerzt doppelt.
Der Esel, der Rabe und der Wolf
Ein Esel mit einem Geschwür auf dem Rücken weidete auf
irgendeiner Wiese. Ein Rabe
setzte sich auf ihn und pickte in
dem Geschwür herum. Der Esel bäumte sich vor
Schmerz auf und
sprang in die Höhe. Weiter entfernt stand der Eseltreiber
und lachte.
Ein
Wolf kam hinzu, sah dies und sprach zu sich selbst: »Wir
unseligen Wölfe, die wir
schon verfolgt werden, wenn man uns nur von weitem sieht,
aber über diesen Esel,
lachen sie dazu auch noch.«
Die Geschichte veranschaulicht, dass die schlechten Menschen
auch von weitem
schon als solche erkennbar sind.
Der Esel und die Frösche
Ein Esel durchquerte mit einer Ladung Holz einen See. Er
rutschte aber aus, und als er
hingefallen war, konnte er nicht
mehr aufstehen. Er jammerte und klagte. Die Frösche
in dem See
hörten sein Gejammer und sagten: »Freund, was würdest du denn
tun,
wenn du schon so lange wie wir hier lebtest, wo du doch
gerade erst gestürzt bist und
schon so heftig klagst?«
Diese Geschichte könnte jemand, der selbst die meisten Mühen
ohne weiteres auf sich
nimmt, auf einen wehleidigen Menschen
anwenden, der schon über die geringsten
Anstrengungen klagt.
Der Esel und die Grillen
Ein Esel hörte Grillen zirpen und freute sich über den
Wohlklang. Als er aber ihr Singen
nachzuahmen versuchte, fragte
er sie, welche Nahrung sie zu sich nähmen, um so
zirpen zu
können. Sie aber antworteten: »Tau.« Der Esel ernährte sich
daraufhin nur
von Tau und verhungerte.
So geraten auch diejenigen in größtes Unglück, die nach etwas
streben, was gegen
ihre Natur ist, abgesehen davon, dass sie es
nicht erreichen.
Der Esel und die Ziege
Ein Bauer hatte einen Esel und eine Ziege. Weil nun der Esel
sehr viel arbeiten und
große Lasten tragen musste, erhielt er
ein reichlicheres und besseres Futter als die
Ziege. Diese beneidete den Esel, und um ihn um die bessere Kost zu
bringen, oder doch
wenigstens ihm Schläge einzutragen, sprach
sie eines Tages zu ihm: »Höre, lieber
Freund! Oft schon habe ich dich von Herzen
bedauert, dass du Tag für Tag die
schwersten Lasten tragen und
vom Morgen bis Abend arbeiten musst; ich möchte dir
wohl einen
guten Rat geben.« »Warum nicht?« sagte der Esel, »ich bitte dich sogar darum!« »Nun, so höre: Wenn du an eine Grube kommst, so stürze dich
hinein, stelle dich
verletzt, und dann wirst du längere Zeit
Ruhe haben und nichts arbeiten dürfen.« Dem Esel schien dies ein ganz guter Vorschlag, und kaum war er
anderntags mit einer
Last bei einer Grube angekommen, als er
auch schon den Rat befolgte. Wie aus Zufall
trat er fehl und
stürzte hinein. Aber das hatte er sich nicht gedacht! Halb tot
lag er da
und dass er sich nicht ein Bein gebrochen, war ein
Glück. Ganz geschunden wurde er
herausgeholt und konnte sich
kaum nach Hause schleppen. Sein Herr hatte nichts Eiligeres zu tun, als zu einem Vieharzt
zu schicken, der dann
verordnete: der Kranke solle eine frische,
pulverisierte Ziegenlunge einnehmen. Da dem Herrn der Esel mehr wert war als die Ziege, so ließ er
diese sofort schlachten,
um den Esel zu retten. So büßte die Ziege für ihren bösen Rat mit dem Leben.
Die Folgen des Neides gereichen nicht selten dem Neider selbst
zum Verderben.
Der Esel und das Maultier

Ein Eseltreiber legte einem Esel und einem Maultier Lasten auf
und trieb sie vorwärts.
Solange der Weg eben war, konnte der
Esel das Gewicht aushalten. Als man aber ins
Gebirge kam, war er
nicht mehr imstande, die Last zu tragen, und bat das Maultier,
ihm einen Teil seiner Last abzunehmen, um selbst den übrigen
Teil weiter tragen zu
können. Das Maultier aber hörte nicht auf
die Worte des Esels. Darauf brach dieser
zusammen und verendete.
Der Eselstreiber sah keine andere Möglichkeit: Er lud dem
Maultier nicht nur die Last des Esels auf, sondern packte auch
noch das Fell des Esels
dazu. Weil das Maultier jetzt keine
geringe Last auf dem Rücken hatte, sprach es zu
sich selbst:
»Das geschieht mir recht. Denn wenn ich mich hätte erweichen
lassen,
als mich der Esel bat, ihm ein wenig zu entlasten,
müsste ich jetzt nicht zusammen mit
seiner Last auch noch ihn
selbst tragen.«
So verlieren oft auch manche Gläubiger aus Geldgier sogar die
gesamte Summe, wenn
sie sich weigern, ihren Schuldnern einen
kleinen Teil nachzulassen.
Der Esel und das Maultier
1
Der Esel und das Maultier zogen denselben Weg. Als der Esel
merkte, dass sie beide die
gleichen Lasten hatten, wurde er
ärgerlich und beklagte sich darüber, dass das
Maultier,
welches das doppelte Futter bekäme, nicht mehr zu tragen
brauche.
Sie waren nur wenig weitergegangen, da merkte der
Treiber, dass der Esel nicht mehr
tragen konnte, und nahm
ihm etwas von seiner Last und legte sie dem Maultier auf.
Und als sie wieder ein Stück weitergekommen waren, sah er,
dass der Esel sich immer
mehr erschöpfte, und entlastete ihn
aufs neue, bis er schließlich alles von dem Esel
fortgenommen und statt dessen dem Maultier auferlegt hatte.
Da blickte dieses auf
den Esel und sagte zu ihm: »Nun,
Kamerad, scheint dir es jetzt berechtigt, dass man
mir
doppeltes Futter zubilligt?«
So müssen auch wir die Lage eines jeden nicht vom
Ausgangspunkt, sondern vom
Ergebnis her beurteilen.
Der Esel und das Pferd
Ein Esel, der nach der größten Anstrengung nicht einmal Streu
genug erhielt,
um seinen Hunger zu stillen, und unter seiner schweren Bürde kaum
noch fort kriechen
konnte, hielt ein schönes,
prächtig geschmücktes Pferd für glücklich, weil es so gut
und im
Überfluss gefüttert würde. Ach, wie sehr wünschte er mit diesem
Tiere
tauschen zu können. Allein nach einigen Monaten erblickte er dasselbe Pferd lahm und
abgezehrt an einem
Karren. »Ist dies Zauberei?« fragte er.
»Beinahe«, antwortete traurig das Pferd;
eine Kugel traf mich,
mein Herr stürzte mit mir und verkaufte mich zum Dank um ein
Spottgeld; lahm und kraftlos, wie ich jetzt bin, wirst du gewiss
nicht mehr mich
beneiden und mit mir tauschen wollen.«
Wie oft das größte Glück Zerstört ein Augenblick!
Der Fischer
Ein Fischer, der sein Netz zum Fang im Meer auswarf, bemächtigte
sich der großen
Fische und brachte sie an Land; die kleinen aber
schlüpften durch die Maschen und
entkamen ins Meer.
Leicht retten sich die, die nicht zu prominent sind; die hohen
Würdenträger aber sieht
man nur selten dem Strafgericht
entgehen.
Der Fischer im trüben Wasser
Ein Fischer fischte in einem Fluss. Er spannte seine Netze von
beiden Flussufern durch
den Fluss, band einen Stein an ein Tau
und schlug damit ins Wasser, damit die Fische
auf der Flucht ins
Netz gerieten, ohne es zu merken. Ein Anlieger beobachtete ihn
bei
dieser Tätigkeit und schalt ihn, weil er den Fluss trübe und
ihn kein klares Wasser mehr
trinken ließe. Der aber sprach:
»Wird der Fluss nicht so aufgewirbelt, so müsste ich
Hungers
sterben.«
So strengen sich auch im Staate die Demagogen dann am meisten
an, wenn sie ihr
Land in Bürgerzwist stürzen.
Der Fischer und die Sardelle

Ein Fischer ließ sein Netz ins Wasser und holte eine Sardelle
herauf. Sie aber flehte in
an, sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt
zu verschonen, da sie doch noch so klein sei,
und sie später,
wenn sie erst einmal groß sei, zu größerem Nutzen zu fangen.
Da
sagte der Fischer: »Ich wäre doch verrückt, wenn ich das, was ich bekommen und
in
meinen Händen habe, losließe und mich einer ungewissen Hoffnung
hingäbe.«
Die Geschichte zeigt, dass der gegenwärtig vorhandene Gewinn,
auch wenn er klein
ist, dem erwarteten vorzuziehen ist, auch
wenn dieser groß zu sein verspricht.
Der Fischer und der Thunfisch
Fischer, die hinausgefahren waren, um etwas zu fangen, und, obwohl
sie sich lange
Zeit abgemüht hatten, nichts fangen konnten, saßen mutlos in ihrem
Boot. Da sprang
ein Thunfisch, der verfolgt und mit gewaltigem Zischen aus dem
Wasser geschleudert wurde, aus Versehen in den Kahn. Die Fischer
packten ihn und gingen in die Stadt,
um ihn zu verkaufen.
So schenkt oft das Glück, was die Kunst nicht schafft.
Der Fischer mit der Flöte

Ein Fischer, der Flöte blasen konnte, nahm seine Flöte und seine
Netze und ging zum
Meer. Er stellte sich auf einen Felsvorsprung
und spielte zunächst ein Lied. Denn er
glaubte, dass die Fische
von selbst aus dem Wasser springen würden, um den
lieblichen
Klang zu hören. Aber obwohl er sich sehr anstrengte, hatte er
keinen Erfolg.
Er warf seine Flöte weg, nahm das Netz,
schleuderte es in das Wasser hinab und fing
viele Fische. Dann
warf er sie aus dem Netz heraus auf den Strand, und als er sie
zappeln sah, sagte er: »Ach, ihr elendsten Geschöpfe, als ich
Flöte blies, wolltet ihr
nicht tanzen, jetzt aber, wo ich damit
aufgehört habe, tut ihr es.«
Anmerkung:
Dieselbe Fabel lässt Herodot von
Halikarnassos (*485 v.Chr.,† 425 v.Chr.) den
siegreichen
Perserkönig Kyros erzählen. (I, I4I, I-3 und 4 Anfang)
Der Floh und der Athlet

Es sprang einmal ein Floh auf den Fuß eines aufgeblasenen Athleten,
tanzte auf ihm herum und versetzte ihm einen Biss. Der Athlet war
außer sich vor Wut, näherte sich dem Floh mit seinen Fingerspitzen
und hätte ihn fast zerdrückt. Der Floh konnte sich aber in
Sicherheit bringen, machte einen gewaltigen Sprung und entkam. So
entrann er dem Tod. Der Athlet seufzte daraufhin: »Ach, Herakles,
wenn du mich so wenig gegen einen Floh unterstützt, wie wirst du mir
dann gegen meine tatsächlichen Gegner helfen?«
Aber auch uns lehrt die Geschichte, dass es nicht nötig ist, bei den
wirklich unbedeutenden und ungefährlichen Dingen einfach die Götter
zu Hilfe zu rufen, sondern nur bei größeren Schwierigkeiten.
|