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Fabelverzeichnis


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Anmerkungen zu den Bildern:
Der berühmte "Ulmer Aesop" ist eines der Hauptwerke der deutschen Buchillustration im
15. Jahrhundert.
Warum "Ulmer Aesop"? Der Ulmer Humanist und Stadtarzt Heinrich Steinhöwel
1412 -1482 tat sich insbesonders als Übersetzer der Äsopfabeln hervor.
Er illustrierte sie mit 190 zauberhaften Holzschnitt-Illustrationen, (um 1476) die von der Fachwelt dem Meister des Ulmer Chorgestühls, Jörg Syrlin d.Ä., zugeschrieben werden.


Index
 
Der Adler
Der Adler die Dohle und der Hirte
Der Adler und der Fuchs
Der Adler und der Fuchs 1
Der Adler und die Schildkröte
Der Adler und der Mistkäfer
Der Affe, der zum König gewählt wurde, und der Fuchs
Der Affe und die Fischer
Der Affe und das Kamel beim Tanz
Der alternde Löwe und der Fuchs
Der alte Mann und der Tod
Der Angeber
Der Angsthase, der einen goldenen Löwen fand
Der Arzt auf einer Beerdigung
Der Astrologe
Der badende Junge
Der Bauer und seine Söhne
Der Bauer und die Esel
Der Bauer und die Hunde
Der Bauer und die Schicksalsgöttin
Der Bauer und die Schlange
Der Biber
Der Betrüger
Der Blinde
Der Delphin und der Affe
 
Der Dieb und der Wirt
Der diebische Junge und seine Mutter
Der Eber und der Fuchs
Der eingeschlossene Löwe und der Bauer
Der Eisvogel
Der Esel auf Probe
Der Esel und der Eseltreiber
Der Esel und der Fuchs
Der Esel, der Fuchs und der Löwe
Der Esel und der Gärtner
Der Esel und der Hund
Der Esel, der Rabe und der Hirt
Der Esel, der Rabe und der Wolf
Der Esel und die Frösche
Der Esel und die Grillen
Der Esel und die Ziege
Der Esel und das Maultier
Der Esel und das Maultier 1
Der Esel und das Pferd
Der Fischer
Der Fischer im trüben Wasser
Der Fischer und der Thunfisch
Der Fischer und die Sardelle
Der Fischer mit der Flöte
Der Floh und der Athlet
 

Der Adler

Oben auf einem Felsen saß ein Adler und spähte nach Hasen aus. Da schoss einer auf ihn: Der Pfeil durchbohrte ihn, und der rückwärtige Teil des Pfeiles mit den Federn
stand
 ihm vor den Augen. Da sprach er: »Das ist zusätzliches Leid, dass meine eigenen Federn mich töten.«

Dies zeigt, wie schlimm es ist, wenn einen die Seinigen gefährden.

Der Adler und der Fuchs


Adler und Fuchs schlossen Freundschaft miteinander. Sie entschieden sich, nahe beieinander zu wohnen. Das gemeinsame Leben sollte die Vertrautheit festigen. Der Adler flog auf einen sehr hohen Baum und brütete dort seine Jungen aus; der Fuchs kroch in ein darunter liegendes Gebüsch und brachte dort seine Kinder zur Welt. Aber eines Tages ging der Fuchs auf Nahrungssuche. Da stieß der Adler, weil er kein Futter hatte, in das Gebüsch hinab, raubte die Jungen und verzehrte sie gemeinsam mit seinen eigenen Jungen.
Als der Fuchs zurückkam und sah, was passiert war, war er über den Tod seiner Kinder
genauso verbittert wie über seine Hilflosigkeit; denn weil er am Boden lebte, konnte er einen Vogel nicht verfolgen. Deshalb trat er von dem Baum weit zurück und verfluchte den Feind, was den Schwachen und Machtlosen als einzige Möglichkeit bleibt.

Doch es traf sich, dass er auf die Bestrafung für den Verrat der Freundschaft nicht lange warten musste. Denn als irgendwelche Leute auf dem Feld eine Ziege opferten,
stieß der Adler herab, nahm vom Altar ein noch glimmendes Stück der Eingeweide des
Opfertieres und trug es zu sich hinauf. Als er es in sein Nest geschafft hatte, kam plötzlich ein heftiger Wind auf und entfachte aus dem leichten und dürren Reisig eine helle Flamme. Daraufhin verbrannten die Jungen – denn sie waren noch nicht flügge – und fielen auf die Erde. Der Fuchs lief herbei und verzehrte sie alle vor den Augen des Adlers.

Die Geschichte lehrt, dass diejenigen, die die Freundschaft verraten, auch wenn sie der Bestrafung durch die Geschädigten entgehen, weil diese dazu nicht in der Lage sind, der Rache der Götter auf keinen Fall entkommen.

Anmerkung: Der Lyriker Archilochos (7.Jhd.) verwendete diese Fabel, um sich an seinem verhinderten
Schwiegervater Lykambes zu rächen. Dieser hatte Archilochos seine Tochter Neobule versprochen,
sein Versprechen aber nicht eingelöst.



Der Adler und der Fuchs 1

Der Adler geriet einstens in Gefangenschaft. Der Mann, der ihn gefangen hatte, stutzte ihm die Flügel und hielt ihn im Hause bei den Hühnern. Doch der Adler blieb stolz, einem König gleich, den man in Fesseln warf, und mochte vor Trauer keine Nahrung anrühren. Schließlich kaufte ihn ein anderer; der ließ dem Adler die Flügel wachsen, salbte sie mit Öl und erlaubte ihm, frei herumzufliegen. Da erhob sich der Vogel in die Lüfte, packte mit seinen Fängen einen Hasen und brachte ihn seinem Herrn zum Geschenk. Das sah der Fuchs und sprach zu dem Adler: »Nicht dem da gib, sondern dem ersten! Denn dieser ist von Natur aus gut; jenen aber musst du dir geneigt machen, dass er dir, fängt er dich ein zweites Mal, nicht wieder die Federn nehme!«

Den Wohltätern soll man Gutes mit Gutem vergelten, die Bösen durch Klugheit umstimmen.

Der Adler, die Dohle und der Hirte


Ein Adler stieß von einem hohen Felsen hinab und raubte ein Lamm. Eine Dohle sah ihm
dabei zu und wollte es ihm gleichtun. Daraufhin flog sie mit rauschenden Flügeln auf den Rücken eines Widders. Aber ihre Krallen verfingen sich in seinem dichten Fell. Sie kam nicht mehr los und flatterte so lange, bis der Hirte, der sah, was geschah, eilig herkam und die Dohle fing. Dann stutzte er ihr die Flügel, und als der Abend kam, brachte er sie seinen Kindern. Als sie fragten, was das für ein Vogel sei, erwiderte er:
»Wie ich mit Sicherheit weiß, ist es eine Dohle, wie sie es sich aber wünscht, ein Adler.«

So bringt der Wettstreit mit Überlegenen außer der Erfolglosigkeit und dem Schaden auch noch Spott ein.

Der Adler und die Schildkröte

Eine Schildkröte sah einen Adler fliegen und wollte selbst auch einmal fliegen. Sie ging
zu ihm hin und bat ihn, ihr um jeden Preis das Fliegen beizubringen. Er aber sagte, dies
sei unmöglich. Und als sie ihn noch weiter drängte und bat, hob er sie empor und hoch
n den Lüften ließ er sie auf einen Felsen fallen. Durch diesen Sturz zerbrach sie und
starb.

Die Geschichte zeigt, dass viele Menschen sich selbst mit ihren ehrgeizigen Plänen
schaden.

Der Adler und der Mistkäfer



Ein Adler verfolgte einen Hasen. Er fand aber niemanden, der ihm hätte helfen können.
Da sah er einen Mistkäfer, der ihm im rechten Augenblick begegnete, und bat ihn um Hilfe. Der aber sprach ihm Mut zu, als er den Adler heran fliegen sah; er forderte diesen auf, ihm seinen Schützling nicht wegzunehmen. Der Adler aber verachtete die Kleinheit
des Mistkäfers und fraß den Hasen vor dessen Augen auf.

Der Mistkäfer aber vergaß das erlittene Unrecht nicht und beobachtete fortwährend
den Adlerhorst, und jedes Mal, wenn der Adler Eier legte, kam der Mistkäfer nach oben,
wälzte die Eier aus dem Nest und ließ sie zerbrechen, bis der Adler, der nirgendwo mehr
einen Platz zum Brüten fand, bei Zeus Zuflucht suchte – ist er doch der heilige Vogel des Gottes – und ihn bat, ihm einen Platz für eine sichere Aufzucht seiner Jungen zu
gewähren. Da ließ ihn Zeus seine Eier in seinen Schoß legen. Der Mistkäfer sah dies,
machte eine Kugel aus Mist, flog nach oben und dort angekommen legte er sie Zeus in
den Schoß. Als Zeus aber aufstand, weil er den Mist von sich abschütteln wollte, ließ er aus Versehen auch die Eier fallen. Von der Zeit an – so heißt es – brüten die Adler
nicht, solange die Mistkäfer fliegen.

Die Geschichte lehrt: Man soll niemanden unterschätzen und bedenken, dass niemand
so machtlos ist, dass er sich nicht rächen kann, wenn er einmal schlecht behandelt wurde.


Der Affe, der zum König gewählt wurde, und der Fuchs


In einer Versammlung der vernunftlosen Tiere erwarb sich der Affe großes Ansehen und
wurde von ihnen zum König gewählt. Der Fuchs aber beneidete ihn darum.
Als er in irgendeinem Netz ein Stück Fleisch hängen sah, führte er den Affen dorthin und sagte, er habe einen Schatz gefunden. Er selbst brauche ihn nicht, habe ihn aber dem Affen als Ehrengabe für seine Königswürde aufgehoben. Er bitte ihn darum, den Schatz anzunehmen. Als der Affe ohne zu zögern an die Falle herantrat, sich in der Falle verfing und dem Fuchs vorwarf, er habe ihn reingelegt, sagte der Fuchs zum Affen: »Du Affe, mit einer solchen Einstellung willst du der König der vernunftlosen Tiere sein?«

So ziehen sich diejenigen, die sich ohne Überlegung auf etwas einlassen, außer dem
Unglück auch noch den Spott zu.


Der Affe und die Fischer

Ein Affe saß auf einem hohen Baum, als er sah, wie Fischer ihr Netz auswarfen.
Er beobachtete, was sie taten. Als jene das Netz einzogen und dann in einiger
Entfernung ihr Frühstück einnahmen, stieg der Affe vom Baum und versuchte, dasselbe
zu tun. Denn man sagt, er sei ein Lebewesen, das andere nachahmen könne. Er nahm
das Netz in die Hand. Als er sich darin verfing, sagte er zu sich selbst: »Ach, das
geschieht mir recht. Denn warum habe ich versucht zu fischen, ohne etwas davon zu
verstehen.?«

Die Geschichte zeigt, dass die Beschäftigung mit Dingen, von denen man nichts versteht, nicht nur sinnlos, sondern auch gefährlich ist.

Der Affe und das Kamel beim Tanz

In einer Versammlung der vernunftlosen Tiere stand ein Affe auf und tanzte. Als er dafür sehr viel Beifall bekam und von allen gelobt wurde, wurde ein Kamel neidisch und
wollte dasselbe erreichen. Deshalb stand es auf und versuchte ebenso zu tanzen.
Weil es aber viel Unfug machte, ärgerten sich die Tiere, schlugen es mit Stöcken und
trieben es fort.

Die Geschichte passt auf diejenigen, die aus Neid mit Größeren in einen Wettstreit
treten und dann unterliegen.


Der alternde Löwe und der Fuchs


Der Löwe war alt geworden und konnte sich nicht mehr aus eigener Kraft seine Nahrung beschaffen. Er sah ein, dass er dies nur mit einer List bewerkstelligen könne.
So begab er sich in seine Höhle, legte sich dort hin und tat so, als ob er krank sei.
Und auf diese Weise packte er die Tiere, die zu ihm kamen, um ihn zu besuchen, und fraß sie auf. Nachdem er schon viele Tiere gefressen hatte, durchschaute der Fuchs dessen List und ging zu ihm. Und er trat in sicherem Abstand vor den Eingang der Höhle und fragte, wie es ihm gehe. Der Löwe antwortete: »Schlecht.« Dann fragte der Löwe nach dem Grund dafür, warum er nicht hereinkomme. Der Fuchs erwiderte: »Ja, ich wäre schon hineingegangen, wenn ich nicht die Spuren vieler anderer sehen würde, die hineingingen, während keiner herauskam.«

So entgehen die vernünftigen Menschen den Gefahren, weil sie aufgrund bestimmter
Anzeichen voraussehen.

Der alte Mann und der Tod 

Ein alter Mann schlug einmal Holz, nahm es auf den Rücken und machte sich auf einen
langen Weg. Weil ihn der Weg müde machte, legte er seine Last ab und rief nach dem
Tod. Als der Tod erschien und wissen wollte, weshalb er ihn rufe, sagte der Mann: »Damit du meine Last auf deinen Rücken nimmst.«

Die Geschichte zeigt, dass jeder Mensch an seinem Leben hängt, auch wenn es ihm
sehr schlecht geht.

Der Angeber

Ein Fünfkämpfer wurde bei jeder Gelegenheit von seinen Mitbürgern wegen seiner
Unfähigkeit beschimpft. Da begab er sich einmal eine Zeit lang ins Ausland. Dann kam er zurück und prahlte mit seinem Können. Er behauptete, er habe in anderen Städten
viele große Leistungen vollbracht und sei auf Rhodos so weit gesprungen, wie es kein
Olympiasieger jemals geschafft habe. Dafür – so behauptete er – könne er auch
beliebig viele Zeugen aufbieten, wenn sie erst einmal hier seien. Einer der Anwesenden
ergriff das Wort und sagte zu ihm: »Aber mein lieber Freund, wenn dies wahr ist,
dann brauchst du doch keine Zeugen. Denn hier ist Rhodos; hier kannst du springen!«

Die Geschichte zeigt folgendes: Wenn man etwas durch Taten beweisen kann, dann erübrigt sich jedes Wort darüber.

Der Angsthase, der einen goldenen Löwen fand

Ein geldgieriger Angsthase fand einmal einen goldenen Löwen. Er sagte zu sich selbst:
»Ich weiß nicht, was unter diesen Umständen mit mir geschehen wird. Ich bin wahnsinnig vor Angst und weiß nicht, was ich tun soll. Meine Habgier und meine
Feigheit lassen mich auseinander brechen. Welcher Zufall oder welcher Dämon konnte
einen goldenen Löwen erzeugen? Meine Seele kämpft mit sich selbst, wenn ich dies
sehe. Sie liebt zwar das Gold, fürchtet aber das Werk aus Gold. Den Fund zu berühren,
treibt mich mein Verlangen, mich zurückzuhalten mein Charakter. Ach, was für ein
Zufall, der mir etwas gibt und nicht erlaubt, es anzunehmen! Ach Schatz, der du keine
Freude bringst! Ach, du gnadenlose Gnade eines Gottes! Was soll ich tun? Wie soll ich
damit umgehen? Welche Hilfe soll ich nutzen? Ich werde weggehen, um meine
Angehörigen hierher zu bringen und sie durch Beteiligung am Gewinn zur Hälfte zu
verpflichten, und ich selbst werde von weitem zusehen.«

Die Geschichte passt auf einen Reichen, der es nicht wagt seinen Reichtum anzurühren
und zu nutzen.


Der Arzt auf einer Beerdigung

Ein Arzt ging hinter dem Sarg eines seiner Verwandten her und sagte zu denen, die ihm
das letzte Geleit gaben, dieser Mensch wäre nicht gestorben, wenn er sich des Weines
enthalten und ein Klistier gebraucht hätte. Einer von ihnen erwiderte ihm: »Ja, du
hättest das jetzt, wo es nutzlos ist, nicht sagen dürfen, sondern du hättest es ihm
damals sagen sollen, als er deinen Rat noch hätte befolgen können.«

Die Geschichte zeigt, dass man seinen Freunden dann, wenn es erforderlich ist, helfen
muss, aber nicht erst, nachdem ein Unglück geschehen ist, klug daherreden darf.

Der Astrologe

Ein Astrologe ging jeden Abend ins Freie, um die Sterne zu beobachten. Und als er sich
einmal in die Gegend vor der Stadt begab und ganz damit beschäftigt war, zum Himmel
hinauf zu schauen, fiel er aus Versehen in einen Brunnen. Als er dann jammerte und um
Hilfe rief, hörte ein Spaziergänger sein Geschrei. Er ging hin und erfuhr, was passiert war. Darauf sagte er zu ihm: »Lieber Mann, versuchst du, die Erscheinungen am
Himmel zu durchschauen und siehst die Dinge auf der Erde nicht?«

Diese Geschichte könnte man auf diejenigen Menschen anwenden, die sich besonders
wichtig nehmen, aber nicht in der Lage sind, die alltäglichen Aufgaben der Menschen
zu erledigen.

Anmerkung: Die »Fabel« ist nicht nur hier überliefert: Vgl. auch Platon, Theaitetos 174a; Diogenes
Laertios 1,34; Antipatros, Anthologia Palatina 7, 172.

Der badende Junge

Ein Junge badete einmal in irgendeinem Fluss und drohte zu ertrinken. Aber er sah
einen Wanderer und rief um Hilfe. Dieser aber warf dem Jungen seine Unvorsichtigkeit
vor. Der Junge erwiderte ihm: »Ja, doch jetzt hilf mir und mach mir später Vorwürfe,
wenn ich in Sicherheit bin.«

Die Geschichte passt auf diejenigen, die selbst Anlass dazu geben, dass ihnen Unrecht
getan wird.


Der Bauer und die Esel

Ein Bauer war auf dem Lande alt geworden, und weil er lange nicht mehr in die Stadt
gekommen war, bat er seine Leute, sie möchten ihn doch die Stadt sehen lassen.
Die machten einen Wagen fertig und spannten ein paar Esel davor. »Du brauchst sie
nur anzutreiben«, sagten die Verwandten, »sie werden dich dann schon ans Ziel
bringen.«
Als jedoch ein Sturm aufkam, der den Himmel verfinsterte, verloren die Esel den Weg
und verirrten sich an einen abschüssigen Ort. Da erkannte der Bauer die Gefahr,
die ihm drohte, und rief: »O Zeus, was habe ich dir Böses getan, dass ich so zugrunde
gehen muss, und das nicht durch edle Pferde und auch nicht durch respektable
Maultiere, sondern durch elende Esel!«

Dass es besser ist, anständig zu sterben als ehrlos zu leben, beweist diese Fabel.


Der Bauer und seine Söhne


Ein Bauer lag im Sterben und wollte seine Söhne noch einmal in die Landwirtschaft
einweisen. Er rief sie also zu sich und sagte: »Meine Söhne, in einem meiner Weinberge
liegt ein Schatz vergraben.« Nach seinem Tode nahmen sie Harken und Spaten und
gruben ihren ganzen Bauernhof um. Aber sie fanden den Schatz nicht. Der Weinberg aber brachte ihnen eine vielfach größere Ernte.

Die Geschichte zeigt, dass die anstrengende Arbeit ein Schatz für die Menschen ist.


Der Bauer und die Schlange

Eine Schlange kroch an den Sohn eines Bauern heran und tötete ihn. Der Bauer wurde
von diesem Unglück tief getroffen. Er nahm eine Axt, begab sich zum Schlupfloch der
Schlange und lauerte ihr auf, um sie, wenn es ihm möglich wäre, sofort zu erschlagen.
Die Schlange aber konnte ausweichen. Als der Bauer seine Axt hatte niederfahren
lassen, verfehlte er zwar die Schlange, spaltete aber einen daneben liegenden Stein.
Daraufhin nahm er sich sehr vor ihr in acht und schlug ihr vor, sich mit ihm zu
versöhnen. Sie aber sagte zu ihm: »Aber ich kann weder freundlich zu dir sein,
wenn ich den gespaltenen Stein sehe, noch du zu mir, wenn du auf das Grab deines
Sohnes blickst.«

Die Geschichte zeigt, dass tiefe Feindschaft nicht so ohne weiteres eine Versöhnung
möglich macht.

Der Bauer und die Hunde

Ein Bauer wurde auf seinem Hof vom Winter überrascht. Weil er den Hof nicht mehr
verlassen konnte, um sich Nahrung zu beschaffen, aß er zuerst seine Schafe. Der Winter dauerte aber an. Da aß er auch noch seine Ziegen. Die Lage änderte sich nicht. Da musste er sich auch noch an seinen Zugtieren vergreifen. Die Hunde sahen, was geschah, und sagten zueinander: »Wir müssen fort von hier. Denn wieso sollte der Herr uns schonen, wenn er nicht einmal von seinen Helfern, den Zugtieren, die Hände ließ?«

Die Geschichte zeigt, dass man sich vor allem vor denen in acht nehmen muss, die nicht einmal davor zurückscheuen, ihren Angehörigen Unrecht zu tun.


Der Bauer und die Schicksalsgöttin

Ein Bauer fand ein Goldstück, während er in der Erde grub. Er legte deshalb jeden Tag
einen Kranz auf die Erde, als ob sie ihm etwas Gutes getan hätte. Da trat die
Schicksalsgöttin an ihn heran und fragte: »Mein lieber Freund, warum tust du so,
als ob du der Erde meine Geschenke verdanktest, die ich dir gegeben habe, weil ich
dich reich machen wollte? Denn wenn sich die Zeiten ändern und dich wieder in
schlimme Armut bringen, dann wirst du nicht die Erde, sondern die Schicksalsgöttin
tadeln.«

Die Geschichte lehrt uns, dass man seinen Wohltäter erkennen und ihm danken muss.


Der Biber

Der Biber ist ein Tier mit vier Füßen, das im Sumpf lebt. Es heißt, dass seine
Geschlechtsteile zur Behandlung bestimmter Krankheiten nützlich sind. Wenn ihn nun
jemand entdeckt hat und verfolgt, weiß er, wozu er verfolgt wird. Er flieht dann zwar
ein Stück weit, indem er sich der Schnelligkeit seiner Füße bedient, um sich mit seinem
ganzen Körper in Sicherheit zu bringen. Sobald er aber gefangen zu werden droht,
reißt er sich seine Geschlechtsteile ab, wirft sie dem Verfolger vor die Füße und rettet
auf diese Weise sein Leben.

So gibt es auch unter den Menschen Vernünftige, denen man wegen ihres Geldes
nachstellt. Sie verzichten darauf, um ihre Sicherheit nicht zu gefährden.


Der Betrüger

Ein armer Mann wurde krank, und es ging ihm sehr schlecht. Da gelobte er, den Göttern ein Opfer von hundert Rindern darzubringen, wenn sie ihn retteten. Die Götter wollten ihn auf die Probe stellen und ließen ihn ganz schnell wieder gesund werden. Und er kam tatsächlich wieder auf die Beine. Weil er aber keine echten Rinder besaß, formte er hundert Rinder aus Wachs, verbrannte sie auf einem Altar und sagte: »Nehmt die Erfüllung meines Versprechens an, ihr Götter!« Die Götter aber wollten ihn
dafür auf ihre Weise hereinlegen und schickten ihm einen Traum: Sie rieten ihm, an den
Strand zu gehen; denn dort werde er eintausend Drachmen finden. Dort fiel er dann
Räubern in die Hände und wurde fortgebracht. Er wurde von ihnen verkauft und fand
auf diese Weise eintausend Drachmen.

Die Geschichte passt auf einen Betrüger.

Der Blinde

Ein Blinder hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jedes Tier, das man ihm in die
Hände legte, zu betasten und dann zu sagen, was es für ein Tier sei. Einmal gab man
ihm einen jungen Wolf. Er betastete ihn, war sich aber nicht sicher und sagte:
»Ich weiß es nicht, ob es das Junge eines Wolfes, eines Fuchses oder eines ähnlichen Tieres ist. Doch weiß ich genau, dass es nicht günstig ist, dieses Tier in eine
Schafherde zu lassen.«

So lässt sich auch das Wesen böser Menschen oft an ihrer äußeren Erscheinung
erkennen.


Der Delphin und der Affe

Seeleute nehmen gewöhnlich Malteserhündchen und Affen mit an Bord, um auf ihrer
Seereise Abwechslung zu haben. So nahm denn auch einer einen Affen mit, als er in
See stechen wollte. Als sie an das Kap Sunion (das ist das Vorgebirge der Athener)
kamen, geschah es, dass ein heftiger Sturm aufkam. Nachdem das Schiff gekentert
war, und alle um ihr Leben schwammen, schwamm auch der Affe mit. Ein Delphin sah
ihn, glaubte, es sei ein Mensch, nahm ihn auf seinen Rücken und schwamm mit ihm zum
Festland. Als er in die Nähe des Piräus, des Hafens der Athener, kam, fragte er den
Affen, ob er ein Athener sei. Als der Affe daraufhin sagte, er habe dort auch berühmte
Vorfahren, fragte ihn der Delphin als zweites, ob er den Piräus kenne. Weil er glaubte,
er meine einen Menschen, behauptete er, es sei sein vertrauter Freund. Da ärgerte
sich der Delphin über dessen Lüge, tauchte unter und ließ ihn ertrinken.

Die Geschichte passt gut auf einen Lügner.

Der Dieb und der Wirt

Ein Dieb kehrte in einer Herberge ein. Dort blieb er ein paar Tage, auf eine Gelegenheit
wartend, etwas zu stehlen; aber es fand sich keine. Eines Tages nun bemerkte er,
dass der Wirt einen schönen, neuen Rock trug – es war nämlich ein Festtag – und sich
vor der Tür der Herberge niederließ; sonst jedoch war niemand da.
Also trat der Dieb hinzu, setzte sich zu dem Wirt und zog diesen ins Gespräch. Und als sie schon eine gute Weile erzählten, riss er plötzlich den Mund weit auf, und im selben Augenblick, in dem er den Mund aufriss, heulte er wie ein Wolf. Auf die Frage des Wirtes: »Was ist mit dir los?« antwortete der Dieb: »Das will ich dir gleich erklären; aber ich bitte dich, pass auf meine Sachen auf! Die werde ich nämlich hier lassen. Also, lieber Herr, ich weiß nicht, woher diese Maulsperre kommt, ob von meinen Sünden oder aus welcher Ursache sonst, ich kann es nicht sagen – jedenfalls, wenn ich jetzt dreimal das Maul aufreiße, dann verwandle ich mich in einen menschenfressenden Wolf.« Bei diesen Worten riss er zum zweiten Male den Mund auf und heulte wieder wie das erste Mal. Indem der Wirt, der dem Dieb Glauben schenkte, das vernahm, wurde ihm angst, und er erhob sich und wollte davonlaufen. Doch der Dieb fasste ihn am Rock und bat ihn drängend: »Bleib doch, lieber Herr, und nimm meine Sachen, damit sie mir nicht verloren gehen!« Und während er so bat, öffnete er den Mund und begann zum dritten Male zu heulen. Voller Angst, gefressen zu werden, ließ der Wirt seinen Rock,
lief eilends in die Herberge und brachte sich im innersten Winkel in Sicherheit. Der Dieb aber nahm den begehrten Rock und ging seiner Wege.

So ergeht es denen, die Unwahres glauben.

Der diebische Junge und seine Mutter


Ein Junge nahm in der Schule die Schreibtafel eines Mitschülers weg und brachte sie
seiner Mutter. Aber sie verzichtete nicht nur darauf, ihn zu bestrafen, sondern lobte
ihn sogar dafür. Beim zweiten Mal stahl er einen Mantel und brachte ihn der Mutter,
und sie begrüßte dies noch mehr. Die Zeit verging, und als er ein junger Mann
geworden war, versuchte er, noch größere Dinge zu stehlen. Aber dann wurde er
schließlich auf frischer Tat ertappt, gefesselt und zum Henker gebracht. Die Mutter
begleitete ihn und schlug sich vor Trauer auf die Brust. Da sagte der junge Mann:
»Ich will meiner Mutter etwas ins Ohr sagen.« Als sie sofort an ihn herantrat,
haschte er nach ihrem Ohr und biss es ab. Als sie ihm daraufhin vorwarf, dass er
keinen Respekt vor ihr habe, sagte er: »Aber wenn du mich damals, als ich als erstes
die Schreibtafel stahl und sie dir brachte, bestraft hättest, dann wäre ich nicht bis
hierher gekommen, um hingerichtet zu werden.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass alles, was am Anfang nicht verhindert wird,
sich immer mehr vergrößert.

Der Eber und der Fuchs

Ein Fuchs sah einen Eber seine Hauer an einem Eichstamme wetzen und fragte ihn,
was er da mache, da er doch keine Not, keinen Feind vor sich sehe? »Wohl wahr«, antwortete der Eber, »aber gerade deswegen rüste ich mich zum Streit; denn wenn der Feind da ist, dann ist es Zeit zum Kampf, nicht mehr Zeit zum Zähnewetzen.«

Bereite dich im Glück auf das künftige Unglück; sammle und rüste in guten Tagen auf
die Schlimmern.

Der eingeschlossene Löwe und der Bauer

Ein Löwe kam auf den Hof eines Bauern. Weil der Bauer ihn fangen wollte, verschloss er
die Hoftür. Als der Löwe nicht hinauskommen konnte, tötete er zuerst die Schafe,
dann wandte er sich auch den Rindern zu. Und weil der Bauer Angst um sich selbst
hatte, öffnete er das Tor. Nachdem der Löwe freigekommen war, hörte die Frau den
Bauern klagen und sagte: »Aber du hast doch nur das bekommen, was gerecht ist.
Denn warum wolltest du den Löwen einschließen, vor dem du seit langer Zeit Angst
haben musstest?«

So erdulden diejenigen, die sich mit stärkeren anlegen, mit Recht die von ihnen
ausgehenden Schandtaten.


Der Eisvogel

Ein Eisvogel ist ein Vogel, der die Einsamkeit liebt und deshalb immer am Meer lebt.
Es heißt, er niste auf Meeresklippen, um sich so vor der Verfolgung durch die Menschen
zu schützen. Und als er einmal brüten wollte, flog er zu einem Berg, der ins Meer
hineinragte, erblickte einen Felsen am Meer und baute dort sein Nest. Als er aber
einmal ausflog, um Futter zu suchen, geschah es, dass das Meer von einem gewaltigen
Sturm aufgewühlt wurde und bis zur Höhe des Nestes anstieg. Es überspülte das Nest,
und die Jungen kamen um. Als der Eisvogel zurückkam und sah, was geschehen war,
sagte er: »Ach, was für ein Unglück! Ich mied das Land, weil ich es für gefährlich hielt,
und zog mich aufs Meer zurück, das sich als noch unzuverlässiger erwies.«

So geht es auch manchen Menschen, die sich vor ihren Feinden schützen wollen,
aber nicht merken, dass sie sich Freunden ausliefern, die noch viel schlimmer sind als
ihre Feinde.


Der Esel auf Probe

Ein Mann kaufte einen Esel, aber nicht gleich endgültig, sondern er machte eine
Probezeit aus. Als er mit ihm in seinen Hof kam, wo schon mehrere Esel teils bei der
Arbeit, teils bei der Abfütterung waren, ließ er ihn frei laufen. Sogleich trottete der
Neue zu dem faulsten und gefräßigsten Gefährten und stellte sich zu ihm an die
Futterkrippe. Da legte ihm der Mann den Strick wieder um den Hals und brachte ihn
dem bisherigen Besitzer zurück.
»So schnell kannst du ihn doch gar nicht erprobt haben«, wunderte sich der.
»O mir genügt, was ich gesehen und erfahren habe: Nach der Gesellschaft, die er sich
ausgesucht hat, ist er ein übler Bursche!«

Der Esel und der Eseltreiber

Ein Eseltreiber trieb einen Esel vor sich her. Als sie ein kleines Stück des Weges
vorangekommen waren, verließ der Esel den bequemen Pfad und kletterte einen steilen
Abhang hinab. Als er dann aber abzurutschen drohte, packte der Eseltreiber ihn am
Schwanz und versuchte, den Esel in die richtige Richtung zu drehen. Als sich dieser
aber heftig dagegen wehrte, ließ er ihn los und sagte: »Behalte nur die Oberhand!
Denn du trägst einen schlechten Sieg davon.«

Die Geschichte passt gut auf einen Menschen, der um jeden Preis die Oberhand
behalten will.


Der Esel und der Fuchs

Ein Esel und ein Fuchs lebten lange freundschaftlich zusammen und gingen auch miteinander auf die Jagd. Auf einem ihrer Streifzüge kam ihnen ein Löwe so plötzlich in den Weg, dass der Fuchs fürchtete, er könne nicht mehr entfliehen. Da nahm er zu einer List seine Zuflucht. Mit erkünstelter Freundlichkeit sprach er zum Löwen:
»Ich fürchte nichts von dir, großmütiger König! Kann ich dir aber mit dem Fleische meines dummen Gefährten dienen, so darfst du nur befehlen.« Der Löwe versprach ihm Schonung, und der Fuchs führte den Esel in eine Grube, in der er sich fing. Brüllend eilte nun der Löwe auf den Fuchs zu und ergriff ihn mit den Worten: »Der Esel ist mir gewiss, aber dich zerreiße ich wegen deiner Falschheit zuerst.«

Den Verrat benutzt man wohl, aber den Verräter liebt man doch nicht.

Der Esel, der Fuchs und der Löwe

Ein Esel und ein Fuchs schlossen ein Bündnis miteinander und gingen auf die Jagd.
Als ihnen zufällig ein Löwe begegnete, erkannte der Fuchs die drohende Gefahr, lief auf
den Löwen zu und versprach, ihm den Esel auszuliefern, wenn er ihm die eigene
Sicherheit garantiere. Als der Löwe ihm gesagt hatte, dass er ihn in Ruhe lasse,
führte der Fuchs den Esel an eine Fallgrube und ließ ihn hineinstürzen. Als dann der
Löwe sah, dass der Esel nicht weglaufen konnte, packte er zuerst den Fuchs und
machte sich dann ebenso über den Esel her.

So merken oft diejenigen, die ihre Freunde hintergehen, nicht, dass sie sich selbst
zugrunde richten.

Der Esel und der Gärtner

Ein Esel diente einem Gärtner. Da er zwar wenig zu fressen bekam aber viel Böses zu
erdulden hatte, betete er zu Zeus, dass er ihn von dem Gärtner befreie und einem
anderen Herrn überlasse. Zeus schickte daraufhin Hermes und ließ ihn dem Gärtner
befehlen, den Esel einem Töpfer zu verkaufen. Dort hatte der Esel aber erneut Übles zu
erdulden. Als er gezwungen wurde, noch viel größere Lasten zu tragen und Zeus um
Hilfe anrief, brachte Zeus den Gerber dazu, ihn zu kaufen. Als dann der Esel sah,
was sein Herr tat, sagte er: »Ach, es war erstrebenswerter für mich, bei meinem
früheren Herren Lasten zu tragen und zu hungern als hier zu bleiben, wo ich, wenn ich
einmal sterbe, nicht einmal ein Begräbnis bekommen werde.«

Die Geschichte zeigt, dass die Sklaven sich dann besonders nach ihren früheren Herren
zurücksehnen, wenn sie andere erlebt haben.


Der Esel und der Hund

Der Esel und der Hund hatten den gleichen Weg. Da fanden sie auf der Erde ein
versiegeltes Schriftstück. Das hob der Esel auf, erbrach das Siegel, faltete das Blatt
auseinender und las den Text dem Hunde vor. Über Weideangelegenheiten handelte
das Schriftstück, das heißt über Grünfutter, Gerste und Spreu. Verdrießlich nahm der
Hund zur Kenntnis, was der Esel vorzutragen hatte. Schließlich unterbrach er ihn: »Sieh doch einmal ein bisschen weiter unten nach, liebster Freund, ob du da nicht etwas über Fleisch und Knochen ausgesagt findest!«
Der Esel ging das ganze Schriftstück durch, ohne finden zu können, wonach der Hund gesucht hatte; da entgegnete dieser: »Wirf das Papier fort, mein Lieber; es ist gänzlich ohne Bedeutung!«


Der Esel, der Rabe und der Hirt

Auf einer Wiese weidete ein Esel, der sich den Rücken wund geschunden hatte.
Dies sah ein Rabe, flog auf den Esel zu, setzte sich auf dessen Rücken und fing an,
mit dem Schnabel in das rohe Fleisch zu picken.
Dies schmerzte den Esel sehr, und obgleich er sich bemühte, den lästigen Gast los zu
werden, gelang es ihm nicht.
Wenige Schritte davon lag sein Hüter, der mit einem Worte den Raben hätte vertreiben
können. Der aber ergötzte sich an den tollen und possierlichen Sprüngen und
Gesichtern, welche der Esel von Schmerz getrieben machte, und lachte laut dazu.
»Oh!« rief der Esel aus, »jetzt fühle ich wirklich meine Schmerzen doppelt, weil mich
auch der verlacht, der mir helfen könnte und sollte.«

Statt Hilfe Hohn zum Schaden schmerzt doppelt.


Der Esel, der Rabe und der Wolf

Ein Esel mit einem Geschwür auf dem Rücken weidete auf irgendeiner Wiese. Ein Rabe
setzte sich auf ihn und pickte in dem Geschwür herum. Der Esel bäumte sich vor
Schmerz auf und sprang in die Höhe. Weiter entfernt stand der Eseltreiber und lachte.
Ein Wolf kam hinzu, sah dies und sprach zu sich selbst: »Wir unseligen Wölfe, die wir
schon verfolgt werden, wenn man uns nur von weitem sieht, aber über diesen Esel,
lachen sie dazu auch noch.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass die schlechten Menschen auch von weitem
schon als solche erkennbar sind.


Der Esel und die Frösche

Ein Esel durchquerte mit einer Ladung Holz einen See. Er rutschte aber aus, und als er
hingefallen war, konnte er nicht mehr aufstehen. Er jammerte und klagte. Die Frösche
in dem See hörten sein Gejammer und sagten: »Freund, was würdest du denn tun,
wenn du schon so lange wie wir hier lebtest, wo du doch gerade erst gestürzt bist und
schon so heftig klagst?«

Diese Geschichte könnte jemand, der selbst die meisten Mühen ohne weiteres auf sich
nimmt, auf einen wehleidigen  Menschen anwenden, der schon über die geringsten
Anstrengungen klagt.

Der Esel und die Grillen

Ein Esel hörte Grillen zirpen und freute sich über den Wohlklang. Als er aber ihr Singen
nachzuahmen versuchte, fragte er sie, welche Nahrung sie zu sich nähmen, um so
zirpen zu können. Sie aber antworteten: »Tau.« Der Esel ernährte sich daraufhin nur
von Tau und verhungerte.

So geraten auch diejenigen in größtes Unglück, die nach etwas streben, was gegen
ihre Natur ist, abgesehen davon, dass sie es nicht erreichen.

Der Esel und die Ziege

Ein Bauer hatte einen Esel und eine Ziege. Weil nun der Esel sehr viel arbeiten und
große Lasten tragen musste, erhielt er ein reichlicheres und besseres Futter als die
Ziege. Diese beneidete den Esel, und um ihn um die bessere Kost zu bringen, oder doch
wenigstens ihm Schläge einzutragen, sprach sie eines Tages zu ihm: »Höre, lieber
Freund! Oft schon habe ich dich von Herzen bedauert, dass du Tag für Tag die
schwersten Lasten tragen und vom Morgen bis Abend arbeiten musst; ich möchte dir
wohl einen guten Rat geben.«
»Warum nicht?« sagte der Esel, »ich bitte dich sogar darum!«
»Nun, so höre: Wenn du an eine Grube kommst, so stürze dich hinein, stelle dich
verletzt, und dann wirst du längere Zeit Ruhe haben und nichts arbeiten dürfen.«
Dem Esel schien dies ein ganz guter Vorschlag, und kaum war er anderntags mit einer
Last bei einer Grube angekommen, als er auch schon den Rat befolgte. Wie aus Zufall
trat er fehl und stürzte hinein. Aber das hatte er sich nicht gedacht! Halb tot lag er da
und dass er sich nicht ein Bein gebrochen, war ein Glück. Ganz geschunden wurde er
herausgeholt und konnte sich kaum nach Hause schleppen.
Sein Herr hatte nichts Eiligeres zu tun, als zu einem Vieharzt zu schicken, der dann
verordnete: der Kranke solle eine frische, pulverisierte Ziegenlunge einnehmen.
Da dem Herrn der Esel mehr wert war als die Ziege, so ließ er diese sofort schlachten,
um den Esel zu retten.
So büßte die Ziege für ihren bösen Rat mit dem Leben.

Die Folgen des Neides gereichen nicht selten dem Neider selbst zum Verderben.

Der Esel und das Maultier


Ein Eseltreiber legte einem Esel und einem Maultier Lasten auf und trieb sie vorwärts.
Solange der Weg eben war, konnte der Esel das Gewicht aushalten. Als man aber ins
Gebirge kam, war er nicht mehr imstande, die Last zu tragen, und bat das Maultier,
ihm einen Teil seiner Last abzunehmen, um selbst den übrigen Teil weiter tragen zu
können. Das Maultier aber hörte nicht auf die Worte des Esels. Darauf brach dieser
zusammen und verendete. Der Eselstreiber sah keine andere Möglichkeit: Er lud dem
Maultier nicht nur die Last des Esels auf, sondern packte auch noch das Fell des Esels
dazu. Weil das Maultier jetzt keine geringe Last auf dem Rücken hatte, sprach es zu
sich selbst: »Das geschieht mir recht. Denn wenn ich mich hätte erweichen lassen,
als mich der Esel bat, ihm ein wenig zu entlasten, müsste ich jetzt nicht zusammen mit
seiner Last auch noch ihn selbst tragen.«

So verlieren oft auch manche Gläubiger aus Geldgier sogar die gesamte Summe, wenn
sie sich weigern, ihren Schuldnern einen kleinen Teil nachzulassen.

Der Esel und das Maultier 1

Der Esel und das Maultier zogen denselben Weg. Als der Esel merkte, dass sie beide die
gleichen Lasten hatten, wurde er ärgerlich und beklagte sich darüber, dass das
Maultier, welches das doppelte Futter bekäme, nicht mehr zu tragen brauche.
Sie waren nur wenig weitergegangen, da merkte der Treiber, dass der Esel nicht mehr
tragen konnte, und nahm ihm etwas von seiner Last und legte sie dem Maultier auf.
Und als sie wieder ein Stück weitergekommen waren, sah er, dass der Esel sich immer
mehr erschöpfte, und entlastete ihn aufs neue, bis er schließlich alles von dem Esel
fortgenommen und statt dessen dem Maultier auferlegt hatte. Da blickte dieses auf
den Esel und sagte zu ihm: »Nun, Kamerad, scheint dir es jetzt berechtigt, dass man
mir doppeltes Futter zubilligt?«

So müssen auch wir die Lage eines jeden nicht vom Ausgangspunkt, sondern vom
Ergebnis her beurteilen.

Der Esel und das Pferd

Ein Esel, der nach der größten Anstrengung nicht einmal Streu genug erhielt,
um seinen Hunger zu stillen, und unter seiner schweren Bürde kaum noch fort kriechen
konnte, hielt ein schönes, prächtig geschmücktes Pferd für glücklich, weil es so gut
und im Überfluss gefüttert würde. Ach, wie sehr wünschte er mit diesem Tiere
tauschen zu können.
Allein nach einigen Monaten erblickte er dasselbe Pferd lahm und abgezehrt an einem
Karren. »Ist dies Zauberei?« fragte er. »Beinahe«, antwortete traurig das Pferd;
eine Kugel traf mich, mein Herr stürzte mit mir und verkaufte mich zum Dank um ein
Spottgeld; lahm und kraftlos, wie ich jetzt bin, wirst du gewiss nicht mehr mich
beneiden und mit mir tauschen wollen.«

Wie oft das größte Glück Zerstört ein Augenblick!


Der Fischer

Ein Fischer, der sein Netz zum Fang im Meer auswarf, bemächtigte sich der großen
Fische und brachte sie an Land; die kleinen aber schlüpften durch die Maschen und
entkamen ins Meer.

Leicht retten sich die, die nicht zu prominent sind; die hohen Würdenträger aber sieht
man nur selten dem Strafgericht entgehen.


Der Fischer im trüben Wasser

Ein Fischer fischte in einem Fluss. Er spannte seine Netze von beiden Flussufern durch
den Fluss, band einen Stein an ein Tau und schlug damit ins Wasser, damit die Fische
auf der Flucht ins Netz gerieten, ohne es zu merken. Ein Anlieger beobachtete ihn bei
dieser Tätigkeit und schalt ihn, weil er den Fluss trübe und ihn kein klares Wasser mehr
trinken ließe. Der aber sprach: »Wird der Fluss nicht so aufgewirbelt, so müsste ich
Hungers sterben.«

So strengen sich auch im Staate die Demagogen dann am meisten an, wenn sie ihr Land in Bürgerzwist stürzen.

Der Fischer und die Sardelle


Ein Fischer ließ sein Netz ins Wasser und holte eine Sardelle herauf. Sie aber flehte in
an, sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu verschonen, da sie doch noch so klein sei,
und sie später, wenn sie erst einmal groß sei, zu größerem Nutzen zu fangen.
Da sagte der Fischer: »Ich wäre doch verrückt, wenn ich das, was ich bekommen und
in meinen Händen habe, losließe und mich einer ungewissen Hoffnung hingäbe.«

Die Geschichte zeigt, dass der gegenwärtig vorhandene Gewinn, auch wenn er klein
ist, dem erwarteten vorzuziehen ist, auch wenn dieser groß zu sein verspricht.

Der Fischer und der Thunfisch

Fischer, die hinausgefahren waren, um etwas zu fangen, und, obwohl sie sich lange
Zeit abgemüht hatten, nichts fangen konnten, saßen mutlos in ihrem Boot. Da sprang
ein Thunfisch, der verfolgt und mit gewaltigem Zischen aus dem Wasser geschleudert
wurde, aus Versehen in den Kahn. Die Fischer packten ihn und gingen in die Stadt,
um ihn zu verkaufen.

So schenkt oft das Glück, was die Kunst nicht schafft.

Der Fischer mit der Flöte


Ein Fischer, der Flöte blasen konnte, nahm seine Flöte und seine Netze und ging zum
Meer. Er stellte sich auf einen Felsvorsprung und spielte zunächst ein Lied. Denn er
glaubte, dass die Fische von selbst aus dem Wasser springen würden, um den
lieblichen Klang zu hören. Aber obwohl er sich sehr anstrengte, hatte er keinen Erfolg.
Er warf seine Flöte weg, nahm das Netz, schleuderte es in das Wasser hinab und fing
viele Fische. Dann warf er sie aus dem Netz heraus auf den Strand, und als er sie
zappeln sah, sagte er: »Ach, ihr elendsten Geschöpfe, als ich Flöte blies, wolltet ihr
nicht tanzen, jetzt aber, wo ich damit aufgehört habe, tut ihr es.«

Anmerkung: Dieselbe Fabel lässt Herodot von Halikarnassos (*485 v.Chr.,† 425 v.Chr.) den
siegreichen Perserkönig Kyros erzählen. (I, I4I, I-3 und 4 Anfang)

Der Floh und der Athlet


Es sprang einmal ein Floh auf den Fuß eines aufgeblasenen Athleten, tanzte auf ihm herum und versetzte ihm einen Biss. Der Athlet war außer sich vor Wut, näherte sich dem Floh mit seinen Fingerspitzen und hätte ihn fast zerdrückt. Der Floh konnte sich aber in Sicherheit bringen, machte einen gewaltigen Sprung und entkam. So entrann er dem Tod. Der Athlet seufzte daraufhin: »Ach, Herakles, wenn du mich so wenig gegen einen Floh unterstützt, wie wirst du mir dann gegen meine tatsächlichen Gegner helfen?«

Aber auch uns lehrt die Geschichte, dass es nicht nötig ist, bei den wirklich unbedeutenden und ungefährlichen Dingen einfach die Götter zu Hilfe zu rufen, sondern nur bei größeren Schwierigkeiten.