Fabelverzeichnis
Index
Als die Frösche einen König haben wollten
Als die Frösche einen König haben wollten
Die Frösche litten darunter, dass sie keinen Herrscher hatten. Also
schickten sie Boten zu Zeus und baten ihn darum, ihnen einen König
zu geben. Zeus durchschaute aber ihre Dummheit und liess ein Stück
Holz in den Sumpf werfen. Die Frösche bekamen zunaechst einen
gewaltigen Schrecken bei
dem Geraeusch und tauchten in die Tiefe des Sumpfes. Weil das Stück
Holz sich aber nicht weiter bewegte, tauchten sie spaeter wieder auf
und hielten es für so ungefaehrlich, dass sie sogar darauf stiegen
und sich dort niederliessen. Aber weil sie es für unwürdig hielten,
einen solchen König zu haben, begaben sie sich ein zweites Mal zu
Zeus und verlangten von ihm, ihnen einen anderen König zu geben. Der
erste sei naemlich ein allzugrosser Nichtsnutz. Zeus aergerte sich
über sie und schickte ihnen eine Schlange, von der sie verschlungen
und aufgefressen wurden.
Die Geschichte zeigt, dass es besser ist, solche Herren zu haben,
die sich um nichts kümmern und nichts Böses tun, als solche, die
alles durcheinander bringen und Schandtaten begehen.
Der Adler, die Dohle
und der Hirte
Der Adler, die Dohle und der Hirte
Ein Adler stiess von einem hohen Felsen hinab und raubte ein Lamm.
Eine Dohle sah ihm dabei zu und wollte es ihm gleichtun. Daraufhin
flog sie mit rauschenden Flügeln auf den Rücken eines Widders. Aber
ihre Krallen verfingen sich in seinem dichten Fell. Sie kam nicht
mehr los und flatterte so lange, bis der Hirte, der sah, was
geschah, eilig herkam und die Dohle fing. Dann stutzte er ihr die
Flügel, und als der Abend kam, brachte er sie seinen Kindern. Als
sie fragten, was das für ein Vogel sei, erwiderte er:»Wie
ich mit Sicherheit weiss, ist es eine Dohle, wie sie es sich aber
wünscht, ein Adler.«
So bringt der Wettstreit mit Ueberlegenen ausser der Erfolglosigkeit
und dem Schaden auch noch Spott ein.
Der alte Mann und der Tod
Der alte Mann und der Tod
Ein alter Mann schlug einmal Holz, nahm es auf den Rücken und machte
sich auf einen langen Weg. Weil ihn der Weg müde machte, legte er
seine Last ab und rief nach dem Tod. Als der Tod erschien und wissen
wollte, weshalb er ihn rufe, sagte der Mann:
»Damit
du meine Last auf deinen Rücken nimmst.«
Die Geschichte zeigt, dass jeder Mensch an seinem Leben haengt, auch
wenn es ihm sehr schlecht geht.
Der Astrologe
Der Astrologe
Ein Astrologe ging jeden Abend ins Freie, um die Sterne zu
beobachten. Und als er sich einmal in die Gegend vor der Stadt begab
und ganz damit beschaeftigt war, zum Himmel hinauf zu schauen, fiel
er aus Versehen in einen Brunnen. Als er dann jammerte und um Hilfe
rief, hörte ein Spaziergaenger sein Geschrei. Er ging hin und
erfuhr, was passiert war. Darauf sagte er zu ihm:
»Lieber
Mann, versuchst du, die Erscheinungen am Himmel zu durchschauen und
siehst die Dinge auf der Erde nicht?«
Diese Geschichte könnte man auf diejenigen Menschen anwenden, die
sich besonders wichtig nehmen, aber nicht in der Lage sind, die
alltaeglichen Aufgaben der Menschen zu erledigen.
Die
»Fabel«
ist nicht nur hier überliefert: Vgl. auch Platon, Theaitetos 174a;
Diogenes Laertios 1,34; Antipatros, Anthologia Palatina 7, 172.
Die »Fabel« ist nicht nur hier überliefert: Vgl. auch Platon,
Theaitetos 174a; Diogenes Laertios 1,34; Antipatros, Anthologia
Palatina 7, 172.
Der Fischer und der
Thunfisch
Der Fischer und der Thunfisch
Fischer, die hinausgefahren waren, um etwas zu fangen, und, obwohl
sie sich lange Zeit abgemüht hatten, nichts fangen konnten, saßen
sie mutlos in ihrem Boot. Da sprang ein Thunfisch, der verfolgt und
mit gewaltigem Zischen aus dem Wasser geschleudert wurde, aus
Versehen in den Kahn. Die Fischer packten ihn und gingen in die
Stadt, um ihn zu verkaufen.
So schenkt oft das Glück, was die Kunst nicht schafft.
Der Fuchs ohne Schwanz
Der Fuchs ohne Schwanz
Ein Fuchs hatte in einer Falle seinen Schwanz verloren. Weil er dies
für eine Schande hielt, glaubte er, sein Leben sei so nicht mehr
lebenswert. Er hielt es deshalb für nötig, auch die anderen Füchse
in dieselbe Lage zu bringen, um seinen eigenen Verlust zu verbergen,
wenn alle gemeinsam ihn erlitten. Er rief sie also alle zusammen und
forderte sie auf, ihre Schwaenze abzuschneiden. Er sagte, der
Schwanz sei nicht nur unpassend, sondern haenge auch als ein
überflüssiges Gewicht an ihnen. Aber einer der Anwesenden rief:
»Was
soll das? Wenn dir dies nicht selbst passiert waere, dann haettest
du es uns nicht empfohlen.«
Diese Geschichte passt zu solchen Leuten, die ihren Mitmenschen
nicht mit guter Absicht,sondern zu ihrem eigenen Vorteil Ratschlaege
geben.
Der Fuchs und die
Weintrauben
Der Fuchs und die Weintrauben
Ein Fuchs hatte Hunger. Als er an einem Weinstock Trauben haengen
sah, wollte er sie haben und konnte es nicht. Er gab auf und sagte
zu sich selbst:
»Sie
sind noch nicht reif.«
So ist es auch bei manchen Menschen: Wenn sie aus Unfaehigkeit
etwas nicht erreichen können, machen sie die aeusseren Umstaende
dafür verantwortlich.
Der Hirsch an der Quelle
Der Hirsch an der Quelle
Ein Hirsch hatte Durst und kam zu einer Quelle. Waehrend er trank
und sein eigenes Spiegelbild im Wasser sah, gefiel ihm sein Geweih
besonders gut. Er blickte bewundernd auf seine Grösse und Vielfalt.
Ueber seine Beine aber aergerte er sich, weil sie ihm dünn und
schwach vorkamen. Als er noch darüber nachdachte, tauchte ein Löwe
auf und griff ihn an. Der Hirsch wandte sich zur Flucht und gewann
einen grossen Vorsprung. Solange es sich umeine baumlose Ebene
handelte, konnte der Hirsch laufen und in Sicherheit bleiben. Als
eraber in waldiges Gelaende kam, da passierte es, dass er nicht mehr
weiter laufen konnte und vom Löwen gepackt wurde, weil sich sein
Geweih in den Zweigen verfing. Kurz vor seinemTode sagte er zu sich
selbst:
»Ich
bin wirklich zu bedauern! Denn ich konnte mich mit dem retten,
wodurch ich mich verraten fühlte. Umgekommen bin ich aber durch das,
worauf ichbesonders vertraute.«
So sind oft schon Freunde, denen man nicht besonders vertraut, zu
Rettern geworden, waehrend sich diejenigen, denen man mehr
vertraute, als Verraeter erwiesen.
Der Kater als Arzt und
die Hühner
Der Kater als Arzt und die Hühner
Ein Kater hörte, dass auf einem Bauernhof die Hühner krank seien. Er
verkleidete sich als Arzt, nahm die entsprechenden Instrumente mit,
kam zum Hof, stellte sich hin und fragte sie, wie es ihnen denn
gehe. Die aber antworteten:
»Gut,
wenn du von hier wieder verschwindest!
«
So erkennen auch bei den Menschen die Klugen die Bösen, selbst wenn
die ihnen noch so sehr Güte vorspielen.
Der Mann in den mittleren Jahren und seine beiden Freundinnen
Der Mann in den mittleren Jahren und seine beiden Freundinnen
Ein Mann in den mittleren Jahren hatte zwei Geliebte: eine junge und
eine alte. Die Aeltere schaemte sich, mit einem jüngeren Mann
zusammen zu sein, und wenn er sie besuchte, schnitt sie ihm immer
wieder seine schwarzen Haare ab. Die Jüngere aber litt darunter,
einen so alten Liebhaber zu haben, und zupfte ihm allmaehlich seine
grauen Haare aus. So kam es, dass er von beiden auf ihre Weise seine
Haare ausgerupft bekam und schließlich kahl wurde
So ist Ungleichheit überall von Nachteil.
Der Rabe und der Fuchs
Der Rabe und der Fuchs
Nachdem ein Rabe ein Stück Fleisch gestohlen hatte, liess er sich
auf einem Baum nieder. Ein Fuchs sah ihn und wollte das Fleisch
haben. Er stellte sich unter den Baum und rühmte den Raben wegen
seiner Grösse und Schönheit. Er fügte noch hinzu, dass ihm vor allen
anderen die Herrschaft über die Vögel zustehe. Und dies könne auf
jeden Fall Wirklichkeit werden, wenn er auch eine schöne Stimme
habe. Als der Rabe dem Fuchs zeigen wollte, dass er auch eine schöne
Stimme habe, liess er das Fleisch fallen und begann, laut zu
kraechzen. Der Fuchs stürzte sich auf das Fleisch und rief:
»Ach,
Rabe, wenn du auch noch Vernunft besaessest, haette deiner
Herrschaft über alle nichts im Wege gestanden.«
Die Geschichte passt gut auf einen Mann ohne jede Vernunft.
Der Seher
Der Seher
Ein Seher sab auf einem Markt und sammelte Geld. Als jemand
unerwartet zu ihm kam und ihm berichtete, dass die Türen seines
Hauses offen stünden und alles drinnen ausgeplündert sei, sprang er
erschrocken auf und rannte jammernd los, um zu sehen, was geschehen
war. Als einer der Vorbeikommenden ihn so sah, sagte er:
»Lieber
Freund, du prahlst damit, die Ereignisse, die andere Menschen
betreffen, vorauszusehen, wo du doch nicht einmal das, was bei dir
passiert, vorhersagen kannst!«
Diese Geschichte könnte man auf jene Menschen übertragen, die ihr
eigenes Leben schlecht im Griff haben und versuchen, für die Dinge,
die sie eigentlich gar nichts angehen, Vorsorge zu treffen.
Der verliebte Löwe
Der verliebte Löwe
Ein Löwe hatte sich in die Tochter eines Bauern verliebt. Er freite
um sie. Der Bauer wollte seine Tochter dem wilden Tier nicht geben,
aber aus Angst konnte er ihm seinen Wunsch nicht verweigern. Deshalb
fasste er folgenden Plan: Als der Löwe ihn staendig bedraengte,
sagte er, er meine zwar, dass er ein seiner Tochter würdiger
Braeutigam sei. Aber er könne sie ihm nur dann geben, wenn er seine
Zaehne ziehe und seine Krallen abschneide. Denn das junge Maedchen
fürchte diese. Als der verliebte Löwe ohne weiteres beiden Wünschen
entgegenkam, hatte der Bauer keine Angst mehr vor ihm, und als der
Löwe zu ihm kam, verprügelte und verjagte er ihn.
Die Geschichte zeigt, dass alle allzu vertrauensseligen Menschen
sich jenen ausliefern, denen sie vorher Angst einflössten, wenn sie
selber auf die Mittel verzichten, auf denen ihre Ueberlegenheit
beruhte.
Der Wind und die Sonne
Der Wind und die Sonne
Der Wind und die Sonne stritten darum, wer die grössere Macht habe.
Sie vereinbarten nun, dass derjenige der Sieger sei, der es schaffe,
einen Wanderer auszuziehen. Der Wind machte den Anfang und blies
heftig. Als sich der Mensch aber mit seiner Kleidung zu schützen
versuchte, blies er noch heftiger. Der Mensch litt dann noch mehr
unter der Kaelte und zog sich waermer an, bis der Wind es aufgab und
der Sonne das Feld überliess. Von der Sonne ging zuerst eine ganz
massvolle Waerme aus. Als der Mensch daraufhin seine überflüssigen
Kleider ablegte, wurde die Sonne staerker, bis er es nicht mehr
aushalten konnte, sich ganz auszog und zu seinem Schutz in einen
Fluss sprang, um sich abzukühlen.
Die Geschichte zeigt, dass es oft wirksamer ist zu überzeugen als
Gewalt anzuwenden.
Der Wolf im Schafspelz
Der Wolf im Schafspelz
Ein Wolf beschloss einmal, sich zu verkleiden, um im Ueberfluss
leben zu können. Er legte sich ein Schafsfell um und weidete
zusammen mit der Herde, nachdem er den Hirt durch seine List
getaeuscht hatte. Am Abend wurde er vom Hirten zusammen mit der
Herde eingeschlossen, der Eingang wurde verrammelt und die ganze
Einfriedung gesichert. Als aber der Hirt hungrig wurde, schlachtete
er den Wolf.
So hat schon manch einer, der in fremden Kleidern auftrat, seine
Habe eingebüsst.
Der Wolf und das Lamm
Der Wolf und das Lamm
Ein Wolf sah, wie ein Lamm aus irgendeinem Fluss trank. Er suchte
einen vernünftigen Anlass, um es zu fressen. Deshalb stellte er sich
weiter oben an das Ufer und warf dem Lamm vor, dass es das Wasser
trübe mache und ihn nicht trinken lasse. Als das Lamm entgegnete,
dass es am Ufer stehe und trinke und es auch nicht möglich sei, dass
jemand, der weiter unten stehe, das Wasser oberhalb dieser Stelle
durcheinander bringe, liess der Wolf von dieser Begründung ab und
sagte:
»Aber
du hast im vorigen Jahr meinen Vater beleidigt.«
Als das Lamm entgegnete, es sei noch nicht einmal ein Jahr alt,
sagte der Wolf zu ihm:
»Auch
wenn du in der Lage bist, dich geschickt zu rechtfertigen, werde ich
dich deshalb etwa nicht fressen?«
Die Geschichte veranschaulicht, dass bei denjenigen, die die Absicht
haben, eine Untat zu begehen, auch eine gelungene Rechtfertigung
keinen Eindruck macht.
Der Wolf und der Kranich
Der Wolf und der Kranich
Ein Wolf hatte ein Schaf erbeutet und verschlang es so gierig, dass
ihm ein Knochen im Rachen steckenblieb.
In seiner Not setzte er demjenigen eine große Belohnung aus, der ihn
von dieser Beschwerde befreien würde.
Der Kranich kam als Helfer herbei; glücklich gelang ihm die Kur, und
er forderte nun die wohlverdiente Belohnung.
»Wie?«
höhnte der Wolf,
»du
Unverschaemter! Ist es dir nicht Belohnung genug, dass du deinen
Kopf aus dem Rachen eines Wolfes wieder herausbrachtest? Gehe heim,
und verdanke es meiner Milde, dass du noch lebest!«
Hilf gern in der Not, erwarte aber keinen Dank von einem Bösewichte,
sondern sei zufrieden, wenn er dich nicht beschaedigt.
Die Eiche und das Schilfrohr
Die Eiche und das Schilfrohr
Eine Eiche und ein Schilfrohr stritten über ihre Staerke. Als aber
ein heftiger Wind aufkam, bog sich das Schilfrohr, neigte sich vor
dem Wehen des Windes und blieb fest im Boden. Die Eiche aber, die
sich dem Wind mit ganzer Kraft entgegenstemmte, wurde entwurzelt
Die Geschichte zeigt, dass es keinen Zweck hat, mit den Maechtigeren
zu streiten oder ihnen Widerstand zu leisten.
Die Frau und ihre
Dienerinnen
Die Frau und ihre Dienerinnen
Eine fleissige Witwe hatte mehrere Dienerinnen. Sie war es gewohnt,
sie in der Nacht beim ersten Hahnenschrei zur Arbeit zu wecken. Da
sie sich ununterbrochen fast zu Tode abmühten, meinten sie dem Hahn
den Hals umdrehen zu müssen. Denn sie glaubten, er sei die Wurzel
des Uebels, weil er ihre Herrin in der Nacht wecke. Es kam aber
dazu, dass ihr Leiden nach dieser Tat noch schlimmer wurde. Denn die
Herrin wusste die Stunde der Haehne nicht mehr und weckte ihre
Dienerinnen noch früher.
So ist es auch bei vielen Menschen: Die eigenen Absichten bringen
einem selbst Leid und Not.
Die Hündin mit dem Fleisch
Die Hündin mit dem Fleisch
Eine Hündin überquerte mit einem Stück Fleisch einen Fluss. Als sie
dann ihr eigenes Spiegelbild im Wasser sah, nahm sie an, dass dort
eine andere Hündin mit einem noch grösseren Stück Fleisch sei.
Deshalb liess sie das eigene Stück fallen, um jener ihr Stück
wegzuschnappen. So kam es aber, dass ihr beide Stücke verloren
gingen; denn an das eine kam sie nicht heran, da es gar nicht da
war, das andere ging ihr verloren, weil es von der Strömung
fortgetragen wurde.
Die Geschichte trifft auf einen Menschen zu, der immer mehr haben
will.