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Fabelverzeichnis
Bidpai
Das Buch der Beispiele alter Weisen
Ein indischer Weiser hat das Buch der Beispiele erdacht, um seinen
despotischen Fürsten unterhaltsam und bescheiden die Kunst des
Lebens und Regierens zu lehren.
So entstand, wahrscheinlich im ersten oder zweiten Jahrhundert nach
Christus, eine Fabel-und Novellensammlung, die zugleich ein Handbuch
praktischer Lebensphilosophie war. Schon sehr bald zählte es zu
einem der wichtigsten Werke orientalischer Literatur.
Es trat seine Wanderung durch zahllose Reiche und viele
Jahrhunderte. Buddhistische Lehrer brachten es nach China und Japan,
südwärts bis zu den Malaien und nordwärts bis tief in die Mongolei.
Auch die westlichen Nachbarn machten Bidpais Fabeln zu ihrem
Lehrbuch der Lebensklugheit; so die Perser zur Zeit der Sassaniden
einem persischen Herrschergeschlecht (224-651) und im achten
Jahrhundert die Araber. Von da kam es dann nach Kleinasien, Syrien
und endlich am Ende des Mittelalters in einer lateinischen und
deutschen Übersetzung nach dem Abendland.
Zählte es im Orient schon zu den am meisten gelesenen Bücher, hat es
im Abendland einen kaum geringeren Beifall gefunden. Allein in
Deutschland sind in den Jahren von 1483-85 sieben verschiedene
Ausgaben gedruckt worden. Die deutsche Fassung ist zum Ausgangspunkt
der Verbreitung über ganz Europa geworden.

Bild: Das Buchcover des Buches von Pforr
In den siebziger Jahren des XV Jahrhunderts machte sich Antonius von
Pforr, Kirchherr und Kaplan von Rottenburg daran, diese altindischen
Fabelsammlung für abendländische Lehrbedurfnisse zu bearbeiten.
Die Bilder wurden von Meistern geschaffen, die unbekannt sind, wie
fast alle Illustratoren des Mittelalters.
Meine Quelle: Bidpai - Das Buch der
alten Weisen herausgegeben im Jahre 1926
Vorwort:
Regierender Herr des Reiches Edom war ein gewaltiger König mit Namen
Anastres.
Der hatte bei sich Berosias, einen weisen, schriftgelehrten Mann,
berühmt und geachtet
durch seine hohe Kunst der Arznei.
Einstmals ward dem König ein Buch geschickt, darin geschrieben stand
also: Es sind in Indien hohe Berge, bewachsen mit etlichen Bäumen
und Kräutern. Wer diese erkennet und sammelt nach ihrer
Gestalt, kann daraus einen Trank bereiten, den Toten das Leben
wiederzugeben.
Der König begehrte dieser Worte Wahrheit zu erfahren und gebot
Berosias, seinem Arzt, die Kräuter zu suchen. Er gab ihm dazu Gold
und Silber und reiche Geschenke an die Könige von Indien, dass sie
ihn förderten. Briefe und Gaben wurden von Berosias allen Königen
überreicht,
die
sich willig erboten ihm zu helfen.
Zwölf Monate sammelte er von allen Bäumen und Kräutern, mischte
daraus einen Trank nach Anweisung des Buches und glaubte, damit die
Toten erwecken zu können. Und ward sehr traurig, denn er fürchtete
den Schimpf, unverrichteter Sache heimzukehren. Darum begab er sich
zu den Lehrern der Weisheit in Indien, um Rat zu holen in seinem
Unglück.
Die erzählten ihm, dass die Lehre auch in ihren Büchern stände und
hätten darauf lange gesucht, bis sie die Auslegung in den Worten
eines
alten Weisen gefunden hätten, der also sagte:
Die hohen Berge
bedeuten die weisen Meister, die Bäume und Kräuter sind die Wahrheit
und Erkenntnis, die von ihnen ausgeht; der Trank, der daraus
bereitet wird, sind die Bücher der Weisheit, und die Toten, die man
durch solche Medizin lebendig macht, sind die Toren und Unwissenden,
die ohne Erleuchtung der Vernunft ihr Leben beschließen, und die
erweckt werden vom Tod der Unvernunft durch den Trank der Weisheit.
Als Berosias das vernahm,
begehrte er die Bücher zu kennen und fand sie in indischer Zunge
geschrieben, brachte sie in die Sprache der Perser und kehrte zurück
nach Anastres, seinem König. Der König, begierig die Lehren der
Bücher zu verstehen, übte sich ihnen nach Kräften, dass er darüber
allen Kurzweil und Reichtum vergaß.
Bei Strafe gebot er, in seinem Reich Schulen zu errichten, die Kunst
der Weisheit auszubreiten und den Schatz der Bücher zu mehren.
Da ward auch das Büchlein gefunden, das heißt: Das Buch der
Beispiele alter Weisen.
Wegen der Länge mancher Fabeln und
Novellen, hielt ich es für angebracht, das Buch in
Kapiteln einzuteilen. Insgesamt ergaben sich dadurch 16 Kapitel.
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