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Fabelverzeichnis

Wilhelm Hey

Wilhelm Busch 1 
Naturgeschichtliches Alphabet
Wilhelm Busch 2 
Die Rache des Elefanten
Wilhelm Busch 3 
Die beiden Enten und der Frosch

Christian Felix Weiße

                                                         
                       
Verschiedene Autoren und solche ohne Autorenangabe
 



Vom Bäumlein, das andre Blätter hat gewollt
Friedrich Rückert


Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald,
in gutem und schlechten Wetter:
das hat von unten bis oben
nur Nadeln gehabt statt Blätter;
die Nadeln, die haben gestochen,
das Bäumlein, das hat gesprochen:

"Alle meine Kameraden
haben schöne Blätter an,
und ich habe nur Nadeln,
niemand rührt mich an;
dürft' ich wünschen, wie ich wollt',
wünscht' ich mir Blätter von lauter Gold."

Wie's Nacht ist, schläft das Bäumlein ein
und früh ist's aufgewacht;
da hatt' es golden Blätter fein,
das war eine Pracht!
Das Bäumlein spricht: "Nun bin stolz;
goldene Blätter hat kein Baum im Holz."

Aber wie es Abend ward,
ging der Räuber durch den Wald,
mit großem Sack und großem Bart,
der sieht die goldnen Blätter bald;
er steckt sie ein, geht eilenda fort
und lässt das leere Bäumlein dort.

Das Bäumlein spricht mit Grämen:
"Die goldenen Blättlein dauern mich;
ich muss vor anderen mich schämen,
sie tragen so schönes Laub an sich,
dürft' ich wünschen noch etwas,
so wünscht' ich mir Blätter von hellem Glas."

Da schlief das Bäumlein wieder ein
und früh ist's wieder aufgewacht;
da hatt' es gläserne Blätter fein,
das war eine Pracht!
Das Bäumlein spricht: "Nun bin ich froh;
kein Baum im Walde glitzert so."

Da kam ein großer Wirbelwind
mit einem argen Wetter,
der fährt durch alle Bäume geschwind
und kommt an die gläsernen Blätter.
Da lagen die Blätter von Glase
zerbrochen in dem Grase.

Das Bäumlein spricht mit Trauern:
"Mein Glas liegt in dem Staub,
die anderen Bäume dauern
mit ihrem grünen Laub;
wenn ich mir noch was wünschen soll,
wünsch ich mir grüne Blätter wohl."

Da schlief das Bäumlein wieder ein
und wieder früh ist's aufgewacht;
da hatt' es grüne Blätter fein,
das Bäumlein lacht
und spricht: "Nun hab ich doch Blätter auch,
dass ich mich nicht zu schämen brauch."

Da kommt mit vollem Euter
die alte Geiß gesprungen;
sie sucht sich Gras und Kräuter
für ihre Jungen;
sie sieht das Laub und fragt nicht viel,
sie frisst es ab mit Stumpf und Stiel.

Da war das Bäumlein wieder leer.
Es sprach nun zu sich selber:
"Ich begehre nun keine Blätter mehr,
weder grüner, noch roter, noch gelber!
Hätt' ich nur meine Nadeln,
ich wollte sie nicht tadeln."

Und traurig schlief das Bäumlein ein
und traurig ist es aufgewacht;
da besieht es sich im Sonnenschein
und lacht und lacht!
Alle Bäume lachen's aus;
das Bäumlein macht sich aber nichts draus.

Warum hat's Bäumlein denn gelacht
und warum denn seine Kameraden?
Es hat bekommen in der Nacht
wieder alle seine Nadeln,
dass jedermann es sehen kann.
Geh 'naus, sieh's selbst, doch rühr's nicht an.
Warum denn nicht?
Weil's sticht.

Zu gut gelebt
Wilhelm Busch

Frau Grete hatte ein braves Huhn,
das wusste seine Pflicht zu tun.
Es kratzte hinten, pickte vorn,
fand hier ein Würmchen, da ein Korn,
erhaschte Käfer, schnappte Fliegen
und eilte dann mit viel Vergnügen
zum stillen Nest, um hier geduldig
das zu entrichten, was es schuldig.
Fast täglich tönte sein Geschrei:
Viktoria, ein Ei, ein Ei!
  
Frau Grete denkt: Oh, welch ein Segen,
doch könnt es wohl noch besser legen.
Drum reicht sie ihm, es zu verlocken,
oft extra noch die schönsten Brocken.

Dem Hühnchen war das angenehm.
Es putzt sich, macht es sich bequem,
wird wohlbeleibt, ist nicht mehr rührig
und sein Geschäft erscheint ihm schwierig.
Kaum dass ihm noch mit Drang und Zwang
mal hie und da ein Ei gelang.
 
Dies hat Frau Gretchen schwer bedrückt,
besonders, wenn sie weiterblickt;
denn wo kein Ei, da ist's vorbei
mit Rührei und mit Kandisei.

Ein fettes Huhn legt wenig Eier.
Ganz ähnlich geht's dem Dichter Meier,
der auch nicht viel mehr dichten kann,
seit er das große Los gewann.

Der Reiher
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
 
Wenn spazieren geht der Reiher,
denkt er über manches nach:
Ob sich's besser fischt am Weiher
oder besser noch am Bach.

Endlich hat er sich entschlossen,
geht zum Weiher hin und fischt,
und da weilt er unverdrossen,
bis er einen Fisch erwischt.

Warten, das versteht er prächtig,
Langeweile kennt er nicht;
Was er tut, er tut's bedächtig,
Und Geduld ist seine Pflicht.

Willst du irgend was erringen,
Lern vom Reiher mancherlei,
Und Geduld vor allen Dingen
Bestens dir empfohlen sei.

Spatz und Katze

Wo wirst du denn den Winter bleiben?
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Hier und dorten, allerorten,"
Sprach gleich wieder das Spätzchen.

"Wo wirst du denn zu Mittag essen?"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Auf den Tennen mit den Hennen."
Sprach gleich wieder das Spätzchen.

"Wo wirst du denn die Nachtruh halten?"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Lass dein Fragen, will's nicht sagen,"
Sprach gleich wieder das Spätzchen.

"Ei, sag mir's doch, du liebes Spätzchen!"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Willst mich holen – Gott befohlen!"
Fort flog eilig das Spätzchen.

Hund und Katze

"Du willst mich kratzen, Katze?
Mich kratzen, Katze du?
Birg, Katze, deine Tatze,
Sonst, Katze, patsch' ich zu."
So sprach der Hund zur Katze
Und sah sie patzig an.
Mit einer süßen Fratze
Die Katze drauf begann:
Miau, miau, miau, miau!
Die Katze drauf begann.

"Lieb Hündlein, musst mir schmeicheln
Und tun recht sanft und zart,
Du musst mich krauln und streicheln:
So will es meine Art.
Glaub' mir, dass ich nicht murre,
Glaub' mir es, meiner Six!
Ich schmiege mich und schnurre
Und mache manchen Knicks,
Miau, miau, miau, miau!
Und mache manchen Knicks."

Da sprach der Hund zur Katze:
"Ich geb' dir keinen Schmatz,
Ich fürchte deine Tatze:
Du bist ein falscher Schatz."
So sprach der Hund zur Katze:
"Ich geb' dir keinen Schmatz,
Ich fürchte deine Tatze:
Du bist ein falscher Schatz,
Wauwau, wauwau, wauwau, wauwau!

Der Schwan, der Hecht und der Krebs
Ivan Andrejewitsch Krylow

Ein Schwan wollte einen Wagen ziehen und Hecht
und Krebs boten ihm Hilfe an. Der Schwan bedankte
sich und die drei spannten sich vor den Karren.
Doch der Wagen kam nicht vom Flecke,
sosehr sich jeder auch bemühte und anstrengte
und so leicht auch die Last war.
Denn der Schwan versuchte ständig, sich in die
Lüfte zu schwingen; der Krebs kroch mit aller
Macht rückwärts und der Hecht sprang und
zappelte, um in die Tiefe seines Teichs zu tauchen.

Wer hatte Schuld daran, dass der Wagen heute
noch an derselben Stelle steht? Wenn unter denen,
die an einem Strick ziehen, die Eintracht fehlt,
können sie nichts Rechtes erreichen.

Ohne Titel (Der Esel und die Jungen)
Wilhelm Busch
 
Es stand vor eines Hauses Tor
ein Esel mit gespitztem Ohr,
der käute sich sein Bündel Heu
gedankenvoll und still entzwei.

Nun kommen da und bleiben stehn
der naseweisen Buben zween,
die auch sogleich, indem sie lachen,
verhasste Redensarten machen,
womit man denn bezwecken wollte,
dass sich der Esel ärgern sollte. -

Doch dieser hocherfahrne Greis
beschrieb nur einen halben Kreis,
verhielt sich stumm und zeigte itzt
die Seite, wo der Wedel sitzt.

Die beiden Böcke
Jean de la Fontaine
 
Auf einem schmalen Steg über einem reißenden,
tiefen Waldbach begegnen sich zwei Böcke.
Jeder will auf die andere Seite.
"Aus dem Weg!", ruft der Bock.
"Ha!", lacht der andere, "ich war zuerst auf der Brücke!"
"Ich bin älter als du! Ich kann zuerst gehen!"
"Und ich bin stärker!"
Der Streit wird immer heftiger. Keiner will nachgeben.
Beide senken die Köpfe, rasen aufeinander los.
Es gibt einen heftigen Stoß. Beide verlieren das
Gleichgewicht, fallen in den reißenden Strom -
und können sich nur mühsam ans Land retten.

Der Weg empor
August Friedrich Ernst Langbein


Adler: "Wie find ich dich, du träges Tier, auf diesem
Eichenwipfel hier? Wie kamst du her? – So rede doch!"
Schnecke: "Je nun, ich kroch."


Zwiesprache
Wilhelm Raabe
1831-1910

Marienkäfer kleine,
rühre deine Beine,
kriech an meinem Finger 'nauf,
setz dich als das Köpflein drauf!
Ist er nicht ein hoher Turm
für so einen kleinen Wurm?
 
Roten Purpur trag ich,
Flüglein viere schlag ich!
Gar kein Flüglein regst du,
nur zwei Bein' bewegst du.
Sechs Beine rühr ich,
sieben Punkte führ ich,
fliege höher als der Turm!
Wer ist nun der kleine Wurm?

Nichts mehr als nichts
unbekannter Autor

"Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?",
fragte die Tannenmeise die Wildtaube.
"Nichts mehr als nichts", gab die zur Antwort.
"Dann muss ich dir eine wunderschöne Geschichte
erzählen", sagte die Meise.
"Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm,
als es zu schneien anfing;
nicht etwa heftig mit Sturmgebraus, nein,
wie im Traum, lautlos und ohne Schwere.
Da ich nichts Besseres zu tun hatte,
zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und Nadeln
meines Astes fielen und darauf hängen blieben.
Genau 3 741 953 waren es. Als die 3 741 954. Flocke niederfiel -
nichts mehr als nichts, wie du sagst -, brach der Ast ab."
Damit flog die Meise davon.

Die Taube, seit Noahs Zeiten eine Spezialistin in dieser Frage,
sagte zu sich nach längerem Nachdenken: "Vielleicht fehlt nur
eines einzigen Menschen Stimme zum Frieden der Welt?"

Der Kürbis und der Apfelkern
© Josef Guggenmos

Ein Kürbis und ein Apfelkern gingen zusammen auf die Reise.
Sie waren noch nicht ganz aus dem Dorf, da saßen auf einem
Baum zwei Elstern. Die eine Elster sagte zur anderen: "Siehst du
sie wandern? Sprich, wie findest du dieses Paar?"
Drauf sagte die andere: "Sonderbar."
Da stieß der Apfelkern den Kürbis an: "Hörst du sie reden?"
Doch der Kürbis entgegnete: "Lass sie reden, die >beeden<!
Wenn wir auf alle Leute hören wollten, kämen wir nie ans Ziel!"
Und sie wanderten fröhlich weiter in die Welt.
Der Kürbis und der Apfelkern, sie hatten einander von Herzen
gern. Und das war die Hauptsache. Oder?

Die Maus in der Falle
Franz Kafka
 
"Ach," sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag.
Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich,
dass ich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen
Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten
Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe."

"Du musst nur die Laufrichtung ändern," sagte die Katze und fraß sie.

Der Philosoph
Novalis
 
"Lehre meinen Kanarienvogel," sprach ein Tyrann zu einem Philosophen,
"den Homer, dass er ihn auswendig hersagen kann, oder geh aus meinem Lande;
unternimmst du es und es gelingt nicht, so musst du sterben."
"Ich will es ihn lehren," sprach der Weise, "aber ich muss zehn Jahre Zeit haben."
"Warum warst du so töricht", fragten ihn hernach seine Freunde,
"und unternahmst etwas Unmögliches?"
Lächelnd antwortete er: "In zehn Jahren bin ich oder der Tyrann
oder der Vogel gestorben."

Das Schlaraffenland
Hans Sachs


Eine Gegend heißt Schlaraffenland,
Den faulen Leuten wohl bekannt,
Das liegt drei Meilen hinter Weihnachten;
Und wer nach diesem Land will trachten,
Der muss sich großer Ding' vermessen:

Durch einen Berg von Hirsebrei essen,
Der ist wohl dreier Meilen dick.
Alsdann ist er im Augenblick
Im selbigen Schlaraffenland,
Wo aller Reichtum ist bekannt.

Da sind die Häuser gedeckt mit Fladen,
Lebkuchen Türen sind und Laden,
Von Speckkuchen Deck' und Wand man find't,
Von Schweinebraten die Balken sind.
Um jedes Haus ist dort ein Zaun,
Geflochten mit Bratwürsten braun,
Von Malvasier sind da die Bronnen,
Kommen einem selbst ins Maul geronnen.
Auf den Tannen wachsen die Krapfen
Wie hier zu Land die Tannenzapfen,
Auf Fichten wachsen Semmelschnitten,
Eierplätz' tut man von Birken schütteln,
Wie Pfifferlinge wachsen die Flecken,
(Nudeln)

Die Trauben in den Dornenhecken,
Auf Weidenköpfen Semmeln stehn,
Milchbäche unter ihnen gehn.
Die fallen dann in den Bach hinab,
Dass jedermann zu essen hab'.
Auch gehn die Fische in den Lacken
Gesotten, gebraten, gesalzen, gebacken
Und gehen dem Gestad' ganz nahe,
Dass man sie mit den Händen fahe;
Auch fliegen um (ihr mögt es glauben)
Gebrat'ne Hühner, Gäns' und Tauben;
Wer sie nicht fängt und ist zu faul,
Dem fliegen selber sie ins Maul.

Die Säue immer wohl geraten,
Laufen im Land um, sind gebraten,
Jede ein Messer hat im Rück,
Damit schneid't jeder sich ein Stück
Und steckt das Messer wieder drein;
Die Kreuzkäs'
(mit einem Kreuz bezeichneter Käse)
wachsen wie die Stein',
Es wachsen Bauern auf dem Baume,
Gleichwie in unserm Land die Pflaume;
Wenn zeitig sie fallen ab,
Ein jeder in ein Paar Stiefeln hinab.
Wer Pferd' hat, wird ein reicher Maier:
Sie legen ganze Körb' voll Eier;
Auch schütt't man aus den Eseln Feigen.
Nicht hoch muss man nach Kirschen steigen:
Wie Schwarzbeeren sie wachsen tun.

Auch ist im Lande ein Jungbrunn,
Darin verjüngen sich die Alten.
Viel Kurzweil ist im Land gehalten,
So schießen nach dem Ziel die Gäste,
Der weit'st' vom Blatt gewinnt das Beste,
Im Laufen gewinnt der letzt' allein.
Das Polsterschlafen ist allgemein,
Ihr Waidwerk ist mit Flöhn und Läusen,
Mit Wanzen, Ratzen und mit Mäusen.
Auch ist im Land gut Geld gewinnen,
Wer sehr faul ist und schläft darinnen,
Dem gibt man für die Stund' zwei Pfennig,
Er schlafe gleich viel oder wenig.
Ein F. . z gilt einen Bingenhaller,
(ein in Bingen geprägter, schwerer Heller)
Drei Rülpse einen Joachimstaler,
Und welcher da sein Geld verspielt,
Zwiefach man ihm das da vergilt;
Und welcher auch nicht gern bezahlt,
Sobald die Schuld ein Jahr wird alt,
Muss jener ihm dazu noch geben;
Und welcher da gern gut will leben,
Dem gibt man für den Trunk noch Geld;
Und welcher die Leut' zum Narren hält,
Bekommt ein Blaffert
(drei Kreuzer) noch zum Lohne;
Für 'ne große Lüg' gibt's eine Krone.

Doch muss sich hüten da ein Mann,
Dass man Vernunft ihm merket an;
Wer Sinn und Witz gebrauchen wollt',
Dem würd' kein Mensch im Lande hold;
Und wer gern arbeit't mit der Hand,
Verbietet man das Schlaraffenland;
Wer Zucht und Ehrbarkeit will lieben,
Der wird zum Land hinausgetrieben;

Wer unnütz ist, sich nichts lässt lehren,
Der kommt im Land zu großen Ehren;
Wer als der Faulste wird erkannt,
Der wird zum König in dem Land;
Wer wüst, wild und unsinnig ist,
Grob, unverständig alle Frist,
Den macht man in dem Land zum Fürsten;
Wer gerne ficht mit Leberwürsten,
Aus dem ein Ritter wird gemacht.
Wer liederlich, auf nichts hat Acht
Als Essen, Trinken und viel Schlafen,
Der wird im Land gemacht zum Grafen;
Wer tölpisch ist und gar nichts kann,
Der ist im Land ein Edelmann.

Wer also lebt wie obgenannt,
Der ist gut fürs Schlaraffenland,
Das von den Alten ist erdichtet,
Zur Straf' der Jugend zugerichtet,
Die meistens faul ist und gefräßig,
Ungeschickt, heillos und nachlässig,
Dass man sie weis' zu den Schlaraffen,
Damit ihre liederlich' Art zu strafen,
Auf dass sie haben auf Arbeit Acht,
Weil faule Art nie Gut's gebracht.

Der Löwe mit ändern Tieren auf der Jagd
Samuel Richardson

*19. August 1689 in Mackworth, Derbyshire, England
†4. Juli 1761 in London war ein englischer Schriftsteller.


Ein Löwe, ein Wolf, ein Bär und ein Fuchs gingen einstmals
miteinander auf die Jagd; und es ward ausgemacht,
dass sie alles, was sie fangen wurden,
in gleiche Teile unter sich teilen wollten.

Sie rissen einen Hirsch nieder, und sogleich
ward er in vier Teile geteilet; als aber ein jeder nach dem
seinigen greifen wollte, rief der Löwe: "Gemach! Dieses Teil
gehört mir, in Betrachtung meiner Wurde; dieses gehört mir,
weil ich die meiste Mühe dabei gehabt; dieses gehört mir,
weil ich mir es nehmen darf, wenn ich es haben will; und wer
mir das Vierte abzustreiten gedenkt, der wird vorher einen
Tanz mit mir wagen müssen."
Auf diese Weise ward seinen Bundesgenossen allen der Mund gestopft,
und sie gingen davon so stumm, als Fische.

Lehre:

Ungleiche Verträge und Bündnisse muss man überhaupt vermeiden;
denn wer das Messer hat, das ist, die Gewalt in seiner Hand hat,
der wird sich bei dem Vorschneiden gewiss am besten bedenken.

Der Pfau und der Kranich
August Gottlieb Meißner

Der Pfau stritt sich einst mit dem Kranich:
Wer von ihnen der vorzüglichere Vogel sei?
"Dein Eigendünkel, brach endlich der Pfau aus,
Ist doch unbegreiflich. Vergleiche nur meine Federn
Und die deinigen zusammen, und ich hoffe:
Die Größe, die Farbe, der Glanz
Der meinigen muss dich belehren —
"Alles gut! unterbrach ihn der Kranich:
Nur schade, dass diese herrlichen Federn
Zu einer einzigen Sache viel weniger
Als die meinigen taugen!"
"Und zu welcher?"
"Zum Fliegen! Oder folge mir, wenn du kannst,
Bis zu den Wolken nach!"


Der Kranich stieg empor; der Pfau schämte sich
Und blieb zurück, weil er - musste.

Dass doch niemand stolz auf kleinere Vorzüge sei,
so lange noch die großen ihm gebrechen!

Man kann unmöglich schöner sein, als Charlotte es war.
Oft überhob sie sich dessen gegen ihre Gespielinnen.
"Aber verstehst du auch ein Buch zu lesen? Oder der Wirtschaft
dich anzunehmen? Oder in welcher ändern weiblichen
Tugend hast du dich vorzüglich geübt?"
So fragte sie einst eine andre, die weit minder schön war,
doch innere Verdienste desto reichlicher besaß.
Da schwieg Charlotte beschämt; die Gesellschaft lachte;
ein braver Mann wählte diejenige, welche gefragt hatte,
zu seiner Gemahlin; Charlotte mochte noch warten.

Die Gluckhenne und die Ameise

Eine Gluckhenne, indem sie ihre Küchlein führte, fand einen
kleinen Ameishaufen. "Hieher, hieher, meine Kinder!"
rief sie: "diese schwarzen, nichtsnützigen Tiere können euch zu
einer süßen Nahrung dienen." Die Küchlein folgten ihrem Rate,
und einige hundert Ameisen fanden gar bald ihr Grab.
Doch indem die Henne ihre Brut in so fröhlicher Laune sah,
fiel ihr plözlich ein ganz andrer Gedanke ein.
"Ach", seufzte sie, "ich suche so treulich Futter für euch;

und warum? damit ihr fein bald für den leckern Gaumen
der Menschen reift! Vielleicht wird bald der Grausame, der Unersättliche
euch mir entreißen! Wird - o Schande, o Ungerechtigkeit,
dass ein so mörderisches Wesen, als der Mensch,
von der Natur geduldet werden kann!"

Eine Ameise, die von jenem zerstörten Haufen auf einen
nahen Baum sich geflüchtet hatte, hörte dieses Selbstgespräch.
"Wie, Unverschämte", strafte sie die klagende
Henne, "du schiltst den Menschen grausam? Und zwar in
eben den Augenblick, wo du ein ganzes Volk unschuldiger
Tiere vernichtet hast! Tut er deinen Kindern wohl größere
Gewalt an, als du meinen Brüdern?"

Franz und Karl bekamen Äpfel vom Vater. Es entstand ein
Streit unter ihnen, und Franz nahm alle die schönsten für
sich hin; denn er war der ältere und stärkere.
Indem er sie verzehren wollte, kam des Nachbars Sohn.
Er war noch stärker. Franzens Äpfel gefielen ihm.
Er nahm sie mit Gewalt. Franz lief zum Vater und weinte bitterlich.
"Des Nachbars Sohn hat freilich Unrecht getan,
entschied der Vater, aber dir ist eigentlich kein Unrecht wiederfahren.
Denn man handelte gegen dich, wie du vorher gehandelt hattest.
Und nur auf diejenige Billigkeit hast du von
andern Anspruch zu machen, die du selbst andern erzeigest.

aus Meißner: Äsopische Fabeln für die Jugend (1791)

Der Fuchs und der Kranich

Ein Fuchs lud einen Kranich zum Essen ein.
Er hatte süßen Grießbrei gekocht, und servierte ihn in flachen Tellern.
Der Kranich kann mit seinem langen Schnabel jedoch nichts fressen.
Da ärgert sich der Kranich sehr. Der Fuchs frisst beide Teller leer.

Bald darauf lädt der Kranich den Fuchs zum Essen ein.
Am nächsten Tag besucht der Fuchs den Kranich.
Dieser hat eine leckere Suppe für ihn gekocht.
Er serviert sie in einem engen Glas, aber der Fuchs
Kann die Suppe nicht fressen, und muss hungrig nach Hause gehen.

Was können wir daraus lernen:

Tu niemandem etwas zu leide – er könnte es dir gleich tun!
oder
Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge keinem andern zu.

Der Wolf und der Mensch

Der Fuchs erzählte einmal dem Wolf von der Stärke des Menschen, kein Tier
könnte ihm widerstehen, und sie müssten List gebrauchen, um sich vor ihm zu
erhalten. Da antwortete der Wolf: "Wenn ich nur einmal einen Menschen zu
sehen bekäme, ich wollte doch auf ihn losgehen." - "Dazu kann ich dir helfen",
sprach der Fuchs, "komm nur morgen früh zu mir, so will ich dir einen zeigen."

Der Wolf stellte sich frühzeitig ein, und der Fuchs brachte ihn hinaus auf den Weg,
den der Jäger alle Tage ging. Zuerst kam ein alter abgedankter Soldat.
"Ist das ein Mensch?" fragte der Wolf. "Nein", antwortete der Fuchs, "das ist einer
gewesen."
Danach kam ein kleiner Knabe, der zur Schule wollte."
Ist das ein Mensch?" - "Nein, das will erst einer werden."
Endlich kam der Jäger, die Doppelflinte auf dem Rücken und den Hirschfänger
an der Seite. Sprach der Fuchs zum Wolf: "Siehst du, dort kommt ein Mensch,
auf den musst du losgehen, ich aber will mich fort in meine Höhle machen."

Der Wolf ging nun auf den Menschen los, der Jäger, als er ihn erblickte, sprach:
"Es ist schade, dass ich keine Kugel geladen habe", legte an und schoss dem Wolf
das Schrot ins Gesicht. Der Wolf verzog das Gesicht ganz gewaltig,
doch ließ er sich nicht schrecken und ging vorwärts, da gab ihm der Jäger
eine zweite Ladung. Der Wolf verbiss den Schmerz und rückte dem Jäger zu Leibe;
da zog dieser seinen blanken Hirschfänger und gab ihm links und rechts
ein paar Hiebe, dass er, über und über blutend, mit Geheul zu dem Fuchs zurücklief:

"Nun, Bruder Wolf", sprach der Fuchs, "wie bist du mit dem Menschen fertig geworden?"
"Ach", antwortete der Wolf, "so habe ich mir die Stärke des Menschen nicht
vorgestellt: erst nahm er einen Stock von der Schulter und blies hinein, da flog mir
etwas in's Gesicht, das hat mich ganz entsetzlich gekitzelt, danach pustete er noch
einmal in den Stock, da flog es mir um die Nase wie der Blitz und Hagelwetter, und wie
ich ganz nahe war, da zog er eine blanke Rippe aus dem Leib, damit hat er so auf mich
losgeschlagen, dass ich beinahe tot liegen geblieben wäre."
"Siehst du", sprach der Fuchs, "was du für ein Prahlhans bist: du wirfst das Beil so
weit, dass du's nicht wieder holen kannst."

Der unzufriedene Sperling

Ein Sperling hatte ein Stückchen alter Brotrinde erhascht und flog damit
auf das Gesimse eines Hauses dicht an ein offenes Fenster heran.
Da gewahrte er in einem Käfig, welcher auf dem Brette desselben stand,
einen Kanarienvogel. Dieser hüpfte bald zur Rechten, wo zwischen den Drähten
ein Zwieback steckte, dann zur Linken nach einem Apfelschnitt und ließ sich
die Leckerbissen munden. Mit Neid schaute der Spatz auf den Begünstigten.
"Ich muss mich mit einer so elenden, schmutzigen, gemeinen Rinde begnügen,
und dieser Kerl schwelgt in allen Genüssen!"
Er ließ die Brotrinde fallen und schalt weiter: "Nein, da will ich lieber hungern,
als diese ekelhafte Speise genießen."
Aber das Bedürfnis nach Nahrung war doch zu stark, er nahm einen Schnabel voll,
schielte aber dabei gierig nach dem Zwieback und schimpfte innerlich weiter.

"Das ist eine schlechte Fabel", denkst du, mein Leser, "so töricht ist doch ein Tier
nicht, dass es sich den Genuss dessen, was es besitzt, durch Neid auf fremden Besitz
vergiftet."
Du hast recht, vollkommen recht. So töricht können ja nur Menschen sein.

Die Scholle

Die Fische waren schon lange unzufrieden, dass keine Ordnung in ihrem Reich
herrschte. Keiner kehrte sich an den andern, schwamm rechts und links,
wie es ihm einfiel, fuhr zwischen denen durch, die zusammenbleiben
wollten, oder sperrte ihnen den Weg, und der Stärkere gab dem Schwächeren
                      
einen Schlag mit dem Schwanz, dass er weit wegfuhr, oder er verschlang  ihn ohne
weiteres. "Wie schön wäre es, wenn wir einen König hätten, der Recht und
Gerechtigkeit bei uns übte", sagten sie und vereinigten sich, den zu ihrem Herrn zu
wählen, der am schnellsten die Fluten durchstreichen und dem Schwachen Hilfe
bringen könnte.
Sie stellten sich also am Ufer in Reihe und Glied auf, und der Hecht gab mit dem
Schwanz ein Zeichen, worauf sie alle zusammen aufbrachen.


Wie ein Pfeil schoss der Hecht dahin und mit ihm der Hering, der Gründling, der Barsch,
der Karpfen und wie sie alle heißen. Auch die Scholle schwamm mit und hoffte, das Ziel
zu erreichen. Auf einmal ertönte der Ruf: "Der Hering ist vor! Der Hering ist vor!"
"Wen is vör?" schrie verdrießlich die platte, missgünstige Scholle, die weit
zurückgeblieben  war. "Wen is vör?" "Der Hering, der Hering", war die Antwort.
"De nackte Hiering?" rief die Neidische. "De nackte Hiering?"

Seit dieser Zeit steht der Scholle zur Strafe das Maul schief.

Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst

Es war einmal ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft
geraten, hatten einen Haushalt geführt, lange wohl und köstlich in Frieden gelebt
und trefflich an Gütern zugenommen. Des Vögelchens Arbeit war, dass es täglich
in den Wald fliegen und Holz beibringen müsste. Die Maus sollte Wasser tragen,
Feuer anmachen und den Tisch decken, die Bratwurst aber sollte kochen.

Wem zu wohl ist, den gelüstet immer nach neuen Dingen!
Also eines Tages begegnete dem Vöglein unterwegs ein anderer Vogel, dem es seine
treffliche Gelegenheit erzählte und rühmte. Derselbe andere Vogel schalt es aber einen
armen Tropf, der große Arbeit, die beiden zu Haus aber gute Tage hätten.
Denn, wenn die Maus Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie
sich in ihr Kämmerlein zur Ruhe, bis man sie den Tisch decken hieß.
Das Würstlein blieb beim Topf, sah zu, dass die Speise wohl kochte, und wenn es
bald Essenszeit war, schlüpfte es einmal durch den Brei oder das Gemüse,
so war es geschmolzen, gesalzen und bereitet.
Kam dann das Vöglein heim und legte seine Bürde ab, so saßen sie zu Tisch,
und nach gehabtem Mahl schliefen sie sich die Haut voll bis in den andern Morgen;
und das war ein herrliches Leben.
Das Vöglein wollte anderen Tages aus Anstiftung nicht mehr ins Holz, sprechend es
wäre lang genug Knecht gewesen und hätte gleichsam ihr Narr sein müssen, sie sollten
einmal umwechseln und es auf eine andere Weise auch versuchen. Und wiewohl die
Maus und auch die Bratwurst heftig dafür baten, so war der Vogel doch Meister;
es musste gewagt sein, sie spielten darum, und das Los kam auf die Bratwurst,
die musste Holz tragen, die Maus ward Koch, und der Vogel sollte Wasser holen.

Was geschah? Das Bratwürstchen zog fort gen Holz, das Vögelchen machte Feuer an,
die Maus stellte den Topf zu, und sie warteten, bis das Bratwürstchen heimkäme
und Holz für den anderen Tag brächte. Es blieb aber das Würstchen so lang
unterwegs, dass ihnen beiden nichts Gutes vorkam und ihm das Vöglein ein Stück
durch die Luft entgegen flog. Unfern aber fand es einen Hund am Weg, der das arme
Bratwürstlein als freie Beute angetroffen, angepackt und niedergemacht. Das Vöglein
beschwerte sich auch dessen als eines offenbaren Raubes sehr gegen den Hund, aber
es half kein Wort, denn, sprach der Hund, er hätte falsche Briefe bei der Bratwurst
gefunden, deswegen wäre sie ihm des Lebens verfallen gewesen.

Das Vöglein, traurig, nahm das Holz auf sich, flog heim und erzählte, was es gesehen
und gehört hatte. Sie waren sehr betrübt, blieben aber doch beisammen.
So deckte das Vöglein den Tisch, die Maus rüstete das Essen und wollte im Topf,
wie zuvor das Würstlein, durch das Gemüse schlüpfen, dasselbe zu schmelzen:
aber ehe sie in die Mitte kam, ward sie angehalten und musste Haut und Haar und
dabei das Leben lassen. Als das Vöglein kam und das Essen wollte auftragen, da war
kein Koch vorhanden. Das Vöglein warf bestürzt das Holz hin, rief und suchte, konnte
aber seinen Koch nicht mehr finden. Aus Unachtsamkeit kam das Feuer in das Holz,
also dass eine Brunst entstand; das Vöglein eilte, Wasser zu langen, da entfiel ihm der
Eimer in den Brunnen, und es musste mit hinab, dass es sich nicht mehr erholen konnte
und da ersaufen musste.

Kater und Sperling 

Es flog ein Sperling auf die Düngerstätte eines Bauern. Da kam der Kater,
erwischte den Sperling, trug ihn fort und wollte ihn verspeisen.
Der Sperling aber sagte: "Kein Herr hält sein Frühstück, wenn er sich nicht
vorher den Mund gewaschen hat."
Mein Kater nimmt sich das zu Herzen, setzt den Sperling auf die Erde hin und
fängt an, sich mit der Pfote den Mund zu waschen - da flog ihm der Sperling
davon. Das ärgerte den Kater ungemein, und er sagte: "Solange ich lebe,
werde ich immer zuerst mein Frühstück halten und dann den Mund waschen."

Und so macht er es denn bis auf diese Stunde.

Der Fuchs und das Pferd

Es hatte ein Bauer ein treues Pferd, das war alt geworden und konnte keine
Dienste mehr tun; da wollte ihm sein Herr nichts mehr zu fressen geben und
sprach: "Brauchen kann ich dich freilich nicht mehr; indes meine ich es gut
mit dir; zeigst du dich noch so stark, dass du mir einen Löwen hierher bringst,
so will ich dich behalten, jetzt aber mach dich fort aus meinem Stall", und jagte es
damit ins weite Feld.
 
Das Pferd war traurig und ging nach dem Wald zu, dort ein wenig Schutz vor
dem Wetter zu suchen. Da begegnete ihm der Fuchs und sprach: "Was hängst du so
den Kopf und gehst so einsam herum?"
"Ach", antwortete das Pferd, "Geiz und Treue wohnen nicht beisammen in einem
Haus; mein Herr hat vergessen, was ich ihm für Dienste in so vielen Jahren geleistet
habe, und weil ich nicht mehr recht ackern kann, will er mir kein Futter mehr geben
und hat mich fortgejagt."
"Ohne allen Trost?" fragte der Fuchs. "Der Trost war schlecht, er hat gesagt, wenn ich
noch so stark wäre, dass ich ihm einen Löwen brächte, wollte er mich behalten,
aber er weiß wohl, dass ich das nicht vermag."
Der Fuchs sprach: "Da will ich dir helfen, leg dich nur hin, strecke dich aus und rege
dich nicht, als wärst du tot."
Das Pferd tat, was der Fuchs verlangte; der Fuchs aber ging zum Löwen,
der seine Höhle nicht weit davon hatte, und sprach: "Da draußen liegt ein totes Pferd,
komm doch mit hinaus, da kannst du eine fette Mahlzeit halten."
Der Löwe ging mit, und wie sei bei dem Pferd standen, sprach der Fuchs: "Hier hast
du's doch nicht nach deiner Gemächlichkeit, weißt du was? Ich will's mit dem Schweif
an dich binden, so kannst du's in deine Höhle ziehen und in aller Ruhe verzehren."

Dem Löwen gefiel der Rat, er stellte sich hin, und damit ihm der Fuchs das Pferd fest
knüpfen könnte, hielt er ganz still. Der Fuchs aber band mit des Pferdes Schweif dem
Löwen die Beine zusammen und drehte und schnürte alles so wohl und stark, dass es
mit keiner Kraft zu zerreißen war. Als er nun sein Werk vollendet hatte, klopfte er dem
Pferd auf die Schulter und sprach: "Zieh, Schimmel, zieh."
Da sprang das Pferd mit einmal auf und zog den Löwen mit sich fort. Der Löwe fing an
zu brüllen, dass die Vögel in dem ganzen Wald vor Schrecken aufflogen; aber das Pferd
ließ ihn brüllen, zog und schleppte ihn über das Feld vor seines Herrn Tür.

Wie der Herr das sah, besann er sich eines Besseren und sprach zu dem Pferd:
"Du sollst bei mir bleiben und es guthaben", und gab ihm satt zu fressen, bis es starb.

Der Fuchs und die Gänse

Der Fuchs kam einmal auf eine Wiese, wo eine Herde schöner, fetter Gänse
saß; da lachte er und sprach: "Ich komme ja wie gerufen, ihr sitzt hübsch
beisammen, so kann ich eine nach der andern auffressen."
Die Gänse gackerten vor Schreck, sprangen auf, fingen an zu jammern und kläglich
um ihr Leben zu bitten.
Der Fuchs aber wollte auf nichts hören und sprach: "Da ist keine Gnade, ihr müsst
sterben." Endlich nahm sich eine das Herz und sagte: "Sollen wir armen Gänse doch
einmal unser junges Leben lassen, so gewähre uns die einzige Gnade, und erlaub uns
noch ein Gebet, damit wir nicht in unsern Sünden sterben; hernach wollen wir uns
auch in eine Reihe stellen, damit du dir immer die fetteste aussuchen kannst."
"Ja", sagte der Fuchs, "das ist billig und ist eine fromme Bitte; betet, ich will so lange
warten." Also fing die erste ein recht langes Gebet an, immer "ga! ga!", und weil sie
gar nicht aufhören wollte, wartete die zweite nicht, bis die Reihe an sie kam, sondern
fing auch an: "ga! ga!" Die dritte und vierte folgte ihr, und bald gackerten sie alle
zusammen.
(Und wenn sie ausgebetet haben, soll das Märchen weiter erzählt werden, sie beten
aber noch immerfort.)

Die Emanzipierte
unbekannter Autor

Eine Henne hatte sich auf einen Misthaufen gestellt und redete zu ihren
Geschlechtsgenossinnen: "Wir müssen uns freimachen von den Hähnen, ja selbst
Hähne werden. Nur die tausendjährige Unterdrückung hat unsere Natur verkümmert.
Wir erkennen das Übergewicht des Hahnes nicht mehr an!" Sie stockte plötzlich,
denn der überstarke Drang ihrer Weiblichkeit machte sich ihr bemerkbar, aber sie
bezwang sich, um ihren Grundsätzen nicht untreu zu werden, und schrie: "Auch wir
wollen den Kamm und die Sporen!"
In diesem Augenblicke erlahmte ihre Widerstandskraft, und es entfiel ihr ein weißes,
schimmerndes Ei.  

Ein Hahn, welcher vom Zaune her die Versammlung belauscht hatte, brach in ein
krähendes Gelächter aus: "Und wenn ihr noch so schreit, ihr werdet immer mitten in
euren logischen Erörterungen unlogische Gefühlseier legen. Was als Gackgack geboren
ist, wird niemals zum Kikeriki."

Fabelverzeichnis

Wilhelm Hey

Wilhelm Busch 1  Naturgeschichtliches Alphabet
Wilhelm Busch 2  Die Rache des Elefanten
Wilhelm Busch 3  Die beiden Enten und der Frosch

Christian Felix Weiße