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Fabelverzeichnis
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Leonardo da Vinci geb.1452 in Vinci, zwischen Florenz und Pisa. gest.1519 in Cloux bei Amboise.
Das Universalgenie war Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom,
Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph.
Er hinterließ nicht nur die weltberühmten Bilder "Das heilige
Abendmahl"
und die "Mona Lisa," sondern auch eine größere Anzahl von Fabeln.
Index
Die
Flamme und der Kessel
Inmitten der verglimmenden Asche war ein Stück noch glühender Kohle
übriggeblieben.Mit großer Enthaltsamkeit und Sparsamkeit verzehrte
es, sich von dem unentbehrlichen Minimum nährend, seine letzten
Energien, um nicht zu erlöschen.
Aber es war Zeit, die Suppe aufs Feuer zu tun, und deshalb wurde die
Feuerstelle mit neuem Holz versehen. Ein Streichhölzchen erweckte
das Scheit, das nun erloschen schien, von neuem mit seiner kleinen
Flamme, und eine Feuerzunge schlüpfte zwischen das Holz, über dem
der Kessel hing. Anwachsend durch die trockenen Strünke, die darüber
aufgehäuft waren, begann das Feuer sich aufzurecken, verjagte die
Luft, die zwischen dem einen und anderen Holz
schlummerte, und mit dem neuen Holz spielend, darüber und darunter
hingleitend wie ein Weber, wuchs es mehr und mehr an.
Es begann schließlich, seine Zungen über das Holz hinaus
auszustrecken, nach vielen Ausgängen suchend, aus denen es Irrgänger
von rötlichen Funken sprühte. Die Schatten, die in die Küche
drangen, wurden länger und flüchteten, und darüber wuchsen die
Flammen an; immer ausgelassener mit der sie umgebenden Luft
spielend, begannen sie, mit sanftem und süßem Knistern zu singen.
Das Feuer, das sich jetzt dem Holz entwachsen sah, begann seinen
Sinn zu ändern: von
gewohnter Milde und Ruhe zu aufgeblasener und unleidlicher
Überheblichkeit: Es bildete sich ein, aus diesen wenigen Hölzern das
Geschenk der Flamme zu ziehen.
Schließlich schnaubte es, füllte mit Knallen und Flackern die
Feuerstelle; es richtete seine große Flamme in die Höhe, um in einem
leichten Flug zu vergehen und - endete an dem schwarzen Boden des
Kessels.
Der Esel
und das Eis
Es war einmal ein müder Esel, der vermeinte, nicht mehr bis zum
Stall gehen zu können.
Es war Winter und sehr kalt; alle Straßen waren vereist. "Ich bleibe
hier", sagte der Esel und ließ sich zu Boden fallen.
Ein kleiner, hungriger Spatz näherte sich ihm und flüsterte ihm zu:
"Esel, du bist nicht auf der Straße, sondern über einem zugefrorenen
See. Gib acht!"
Der Esel, schläfrig, gähnte genüsslich und schlief ein. Aber seine
Körperwärme begann nach und nach das Eis aufzutauen, bis es mit
einem Krachen brach. Als sich der Esel im Wasser wieder fand, fühlte
er sich doch sehr beunruhigt. Aber jetzt war es zu spät, und er
ertrank.
Der
Fels und die Straße
Da war einmal ein großer und prächtiger Fels, der lange Zeit vom
Wasser geglättet war.
Nachdem das Wasser sich zurückgezogen hatte, war der Felsen an einem
besonders
hervorstechenden Blickpunkt frei zurückgeblieben, gerade dort, wo
ein schattiges
Wäldchen endete. Von da aus beherrschte er die steinige Straße, die
unter ihm hindurchlief. Viele frische und duftende Büsche mit
vielfarbigen Blüten leisteten ihm Gesellschaft.
Eines Tages nun, als der Fels die Straße betrachtete, über die viele
Kieselsteine verstreut
waren, um sie zu befestigen, kam ihm das Verlangen, sich herabfallen
zu lassen.
"Was würde ich da unten erleben, inmitten dieser Kräuter? Ich will
mit meinen Brüdern
zusammen wohnen; das ist recht und billig." Mit solchen Worten
bewegte sich der Felsblock, rollte herab, um seinen schwankenden Weg
inmitten der Kieselsteine zu beenden, nach deren Gesellschaft er
sich so gesehnt hatte.
Auf der Straße bewegte sich vielerlei: Wagen mit eisenbeschlagenen
Rädern, stampfende
Pferde, Bauern mit genagelten Schuhen, Herden und einzelnes Vieh, so
dass sich der schöne Fels bald in lebhaftem Verkehr sah: der wendete
ihn hier um, jener stieß ihn nach dort, hier schob man ihn ein Stück
beiseite, einmal wurde er mit Schmutz bedeckt, das andere Mal mit
dem Kot eines Tieres befleckt. Aufblickend zu der Stelle, von der er
aufgebrochen war, seufzte der Fels, klagte um die verlorene
Einsamkeit und hatte nun freilich vergebens, Sehnsucht nach dem
ruhigen Frieden von einst.
Diese Fabel ist für diejenigen erzählt, die aus der Landschaft, in
der sie friedlich im Grünen und in der Stille leben können, voller
Torheit in die Stadt drängen: unter die Menge und deren zahllose
Plagen.
Die Nuss und der Kirchturm
Eine Krähe pickte eine Nuss auf und trug sie auf die Höhe eines
Kirchturms. Die Frucht zwischen den Krallen, versuchte sie mit
Schnabelhieben die Nuss zu öffnen; aber unversehens entrollte sie
ihr und verschwand in einem Spalt des Mauerwerks.
"Mauer, gute Mauer!" flehte die Nuss, die glücklich war, aus dem
tödlichen Schnabel der Krähe befreit zu sein. "Im Namen Gottes, der
zu dir so gut gewesen ist, indem er dich so hoch und fest geschaffen
hat und reich an schönen Glocken, die so herrlich tönen, hilf mir,
habe Mitleid mit mir! Ich war ausersehen, unter die Zweige meines
alten Vaters zu fallen, um mich auszuruhen in der fetten Erde, von
gelben Blättern zugedeckt. Verlass mich nicht, ich bitte dich. Als
ich im rohen Schnabel der Krähe war, habe ich ein Gelübde getan:
Wenn Gott mich daraus entrinnen lässt, verspreche ich, den Rest
meiner Tage in einem kleinen Loch zu verbringen."
Die Glocken warnten mit leichtem Murmeln die Mauer des Kirchturms,
Acht zu geben, weil die Nuss gefährlich werden könnte; aber die
Mauer, von Mitleid bewegt, beschloss, sie zu beherbergen, und
erlaubte ihr, in dem Spalt zu bleiben, in den sie gefallen war.
In kurzer Zeit nun begann die Nuss sich zu öffnen und ihre Wurzeln
zwischen den Steinen zu entfalten, und die Wurzeln machten sich
breit, indes die Zweige aus dem Spalt sprossen.
Und die Zweige wuchsen, wurden stärker, sie erhoben sich hoch bis
zur Turmspitze, und die Wurzeln, anwachsend und sich wölbend,
begannen, das Mauerwerk zu sprengen und die Steine beiseite zu
stoßen.
Zu spät begriff die Mauer, dass die Bescheidenheit der Nuss und ihr
Gelöbnis, im Spalt verborgen zu bleiben, nicht aufrichtig waren, und
sie bereute, den Glocken kein Gehör
geschenkt zu haben.
Die Nuss wuchs weiter, herausfordernd und ungerührt, und die Mauer,
die arme Mauer, fuhr fort, abzubröckeln und einzustürzen.
Der Stier
Ein Stier in Freiheit wütete unter den Herden. Die Hirten hatten
keinen Mut mehr, das Vieh durch den Wald zur Weide zu bringen, aus
dem plötzlich mit gesenktem Kopf die Bestie brach, um mit den
Hörnern alles zu durchbohren, was ihr begegnete.
Die Hirten wussten freilich, dass das Tier die rote Farbe hasste,
und darum entschlossen sie sich, ihm eine Falle zu stellen. Sie
befestigten ein rotes Tuch an dem starken Stamm eines Baumes und
verbargen sich danach.
Der Stier, mit schnaubenden Nüstern, ließ nicht lange auf sich
warten. Als er das rote Tuch sah, senkte er den Kopf, setzte sich in
Bewegung, bohrte mit großem Krachen die Hörner in den Baum - und war
gefangen. Und so töteten ihn die Hirten.
Die Raupe
Eng an ein Blatt geschmiegt, sah die Raupe um sich: Da sang es,
sprang es, lief es, flog es.
Alle Insekten waren in ständiger Bewegung, nur sie, die ärmste,
hatte keine Stimme, lief nicht, flog nicht. Mit großer Mühe gelang
es ihr, sich vorwärts zu bewegen, aber so wenig, dass sie eine
Weltreise gemacht zu haben schien, wenn sie von einem Blatt zum
anderen glitt.
Trotzdem beneidete sie niemanden. Sie wusste, dass sie eine Raupe
war und dass die Raupen es lernen mussten, einen seidigen Schaum zu
spinnen, um mit wunderlicher Kunst ihre Behausung zu weben. Also
machte sie sich mit großem Eifer an ihre Arbeit. In kurzer Zeit war
die Raupe eingeschlossen in einen lauwarmen Kokon von Seide und
abgetrennt von der übrigen Welt.
"Und nun?" fragte sie sich. "Noch ein wenig Geduld, und du
wirst staunen."
Im rechten Augenblick erwachte die Raupe und war keine Raupe mehr.
Aus dem Kokon trat sie mit zwei herrlichen Flügeln, die mit
lebhaften Farben geschmückt waren, und erhob sich sogleich in die
Höhe, himmelwärts.
Bild: ©lerchenfeld.ac.at
Die Löwin
Die Jäger, bewaffnet mit Lanzen und spitzen Spießen, näherten sich
leise. Die Löwin, die gerade ihre Jungen säugte, witterte den Geruch
und zugleich die Gefahr. Aber nun war es zu spät, die Jäger waren
ganz nahe und bereit, sie zu erlegen.
Angesichts ihrer Waffen wollte die Löwin erschreckt fliehen, aber
zugleich wusste sie, dass ihre Flucht die Jungen in die Hand der
Jäger fallen ließe. Zu ihrer Verteidigung entschlossen, senkte sie
den Blick, um die bedrohlichen Eisen nicht zu sehen, und mit einem
verzweifelten Satz landete sie inmitten der Jäger und schlug sie in
die Flucht.
Ihr großer Mut rettete sie und ihre Jungen.
Die
Drosseln und die Eule
"Wir sind frei! Wir sind frei!" riefen eines Tages die Drosseln, als
sie sahen, dass der Mensch die Eule gefangen hatte. "Jetzt brauchen
wir keine Furcht mehr vor der Eule zu haben; jetzt werden wir ruhig
schlafen."
Die Eule war tatsächlich in einem Hinterhalt gefangen, und der
Mensch hatte sie in einen Käfig gesperrt.
"Lasst uns die Eule in Gefangenschaft sehen!" riefen die Drosseln,
flogen und sangen um das Gefängnis herum. Aber - der Mensch hatte
die Eule zu einem anderen Zweck gefangen, zu dem nämlich, der
Drosseln habhaft zu werden. Und wirklich schloss die Eule sofort ein
Bündnis mit ihrem Bezwinger, der die an einer Klaue Gefesselte jeden
Tag auf einem Dreifuß zur Schau stellte. Die Drosseln stürzten sich
auf die benachbarten Bäume, in denen der Mensch seine Leimruten
versteckt hatte. Sie wollten die Eule sehen und verloren - anstatt
die Freiheit zu verlieren wie die Eule - das Leben.
Diese Fabel ist für alle erzählt, die sich freuen, wenn einer, der
mehr zählt als sie, die Freiheit verliert. Der Besiegte nämlich, der
bedeutend ist, verbündet sich sofort mit dem Sieger und wird sein
Instrument, während alle die, welche vorher von ihm abhingen, unter
einen neuen Herren geraten und mit ihrer Freiheit oft genug auch das
Leben verlieren.
Die Lerche
Es war einmal ein Eremit, der im Walde lebte und dessen einzige
Gesellschaft ein Vogel war: eine kleine Lerche.
Eines Tages kamen zwei Schildknappen zu ihm und baten ihn, sie aufs
Schloss zu ihrem Herrn zu begleiten, der schwer erkrankt war. Der
Alte, gefolgt von der Lerche, ging mit den Knappen und wurde sofort
in das Krankenzimmer geführt.
Vier Doktoren schüttelten den Kopf und sprachen miteinander. "Da ist
nichts mehr zu tun," murmelte der, welcher der klügste zu sein
schien. "Leider muss er sterben." Der alte Eremit blieb an der Tür
stehen, beobachtete die Lerche, die sich auf einem Fensterbrett
niederließ, und betrachtete den Kranken.
"Er wird genesen", sagte der Eremit schließlich. "Aber wie kann
dieser Tropf eine solche Behauptung wagen!" riefen die Ärzte. Der
Sterbende öffnete die Augen, sah den Vogel an, der ihn unverwandt
anblickte, und versuchte ein Lächeln.
Nach und nach nahmen seine Wangen Farbe an, seine Kräfte kehrten
zurück, und zum Erstaunen aller sagte er: "Ich fühle mich ein wenig
besser." Einige Zeit danach begab sich der nunmehr ganz genesene
Schlossherr in den Wald, um dem alten Weisen zu danken.
"Danke nicht mir", sprach der Eremit. "Es war dieser Vogel, der dich
gesunden ließ. Die Lerche ist ein sehr feinfühliger Vogel: Wenn sie
sich einem Kranken gegenübersieht und ihren Kopf von ihm abwendet,
so bedeutet das, dass keine Hoffnung mehr besteht. Blickt sie ihn
jedoch an, wie sie es mit dir tat, so heißt dies, dass der Kranke
nicht stirbt. Vielmehr: Er wird gesunden."
Wie die feinfühlige Lerche so beachtet die Liebe zur Tugend nichts
Böses und Trauriges sie lebt nur mit Gutem und Edlem zusammen. Des
Vogels Heimat ist der blühende Wald, die Heimat der Tugend das
Menschenherz.
Die wahre Liebe offenbart sich in der Not und ist wie ein Licht, das
um so heller strahlt, je dunkler die Nacht ist.
Der
Schimpanse und das Vögelchen
Eines Tages sah ein junger Schimpanse, der von Ast zu Ast turnte,
ein Nest voller junger Vögel. Höchst zufrieden näherte er sich und
streckte eine Hand nach ihnen aus. Aber die Vögel konnten schon
fliegen und entflohen - nur der kleinste blieb im Nest zurück.
Seelenvergnügt kam der kleine Schimpanse mit seinem Vögelchen heim.
Das Tierchen gefiel ihm so sehr, dass er es zu liebkosen, zu küssen,
an die Brust zu drücken begann. Seine Mutter sah dies, sagte aber
nichts. "Wie niedlich es ist!" rief der Kleine. "Ich habe es gar zu
gern."
Und er fuhr fort, es an sich zu drücken - bis er es tot gedrückt
hatte.
Diese Fabel ist für diejenigen erzählt, die ihre eigenen Kinder
nicht zu strafen wissen.
Das Einhorn
Die
Jäger sprachen von dem Einhorn wie von einem geheimnisvollen
Wesen.
"Ist es ein Tier, oder ein Geist?" fragten sie sich.
In der Tat, dieses fremde, kleine Pferd mit einem Horn mitten auf
der
Stirn tauchte bald hier, bald dort auf, aber niemanden glückte
es, ihm
beizukommen.
"Wild und sonderbar," sagte ein Jäger.
"Vielleicht ist es ein Bote der Unterwelt, der auf die Erde kam, um zu
spionieren?"
"Aber nein, es ist zu schön, um ein unterweltlicher Geist zu sein;
es muss ein Engel sein,"
entgegnete ein anderer.
Ein Mädchen, das allein unter einer Pergola saß, lauschte ins
Schweigen, spann seine Wolle und lächelte. Dieses Mädchen kannte das
Einhorn gut, wusste alles von ihm, war sein Freund. Und wahrhaftig;
nachdem die Menschen gegangen waren, kam das Tier hinter einem
Gesträuch hervor und eilte zu dem Mädchen. Es ließ sich vor ihm
nieder, schmiegte seine Kinnbacken auf seine Knie und blickte es mit
verliebten Augen an.
Das Einhorn, der streunende, wilde Vierfüßler, der gewöhnlich vor
jeder Nachstellung floh, hatte eine Schwäche für junge Mädchen. Es
liebte sie alle, und wenn es sich ergab, dass sie allein waren,
näherte es sich ohne Scheu, um sie aus der Nähe zu bewundern. Nach
der ersten Begegnung wurde es geradezu zahm wie ein Haustier und
warb mit seinem Maul um eine Zärtlichkeit.
Sein sonderbare Liebe wurde ihm zum Verhängnis: Die Jäger entdeckten
es eines Tages, und ohne Wissen des Mädchens stellten sie ihm eine
Falle und töteten es.
Der Schmetterling und das
Licht
Ein umherstreifender bunter Falter steuerte eines Abends, im Dunkel
hin und her flatternd, ein Licht an, das er in der Ferne sah.
Plötzlich lenkte er die Flügel auf dieses zu, und als er der Flamme
näher gekommen war, begann er, sie lebhaft zu umkreisen und wie ein
großes Wunder zu bestaunen. Wie war sie schön!
Nicht zufrieden, den Bewunderer zu spielen, setzte der Falter sich
in den Kopf, dasselbe mit ihr zu tun wie mit den duftenden Blumen:
Er entfernte sich, er kehrte um und lenkte den Flug mutig gegen die
Flamme, die er oberhalb streifte.
Er fand sich betäubt zu Füßen des Lichtes wieder und nahm mit
Bestürzung wahr, dass ihm ein Fuß fehlte und seine Flügelspitzen
angesengt waren.
"Was ist da geschehen?" fragte er sich, ohne eine Erklärung zu
finden. Er vermochte absolut nicht zu begreifen, dass ihm von einer
so schönen Sache wie der Flamme irgendein Übel geschähe; und deshalb
schöpfte er Mut und setzte sich mit einem Flügelschlag wieder in
Bewegung.
Er zog ein paar Schleifen und steuerte von neuem die Flamme an, um
sich auf ihr niederzulassen. Und fiel verbrannt in das Öl, das die
züngelnde Flamme nährte. "Verfluchtes Licht", seufzte der Falter,
sein Leben beendend. "Ich glaubte, in dir mein Glück zu finden, und
fand in Wahrheit den Tod. Ich weine über mein törichtes Verlangen,
weil ich zu spät deine gefährliche Natur erkannt habe."
"Armer Falter", antwortete das Licht. "Ich bin nicht die Sonne, wie
du naiv glaubtest. Ich bin nur ein Licht. Und wer mich nicht mit
Klugheit behandelt, der verbrennt sich."
Das
Testament des Adlers
Ein alter königlicher Adler, der seit vielen Jahren einsam über
einer sehr
hohen Felswand lebte, fühlte die Stunde seines Todes
nahen. Mit
mächtigem Schrei rief er seine Söhne, die auf den
umliegenden Felsen
hausten, und als alle um ihn versammelt waren,
sah er einen um den
anderen an und sagte: "Ich habe euch genährt und aufgezogen, dass
ihr
bis zum Jüngsten
fähig sei, in die Sonne zu blicken. Ich habe Hungers
sterben lassen eure Brüder, die ihren Anblick nicht ertrugen.
Deshalb seid ihr
würdig, höher hinaufzufliegen als alle Vögel. Wer nicht
sterben
möchte, möge sich nie eurem Nest nahen! Alle die Tiere müssen
euch
fürchten; doch ihr werdet keinem Übles tun, der euch Ehre erweist,
sondern ihm die Reste eurer Beute lassen.
Jetzt stehe ich im Begriff, euch zu verlassen; aber ich werde nicht
hier in meinem Nest sterben. Ich werde in die Höhe fliegen, so weit
mich meine Flügel tragen. Ich werde mich gegen die Sonne bewegen,
als müsste ich zu ihr gelangen. Ihre entflammten Strahlen werden
meine alten Federn verbrennen, und ich werde niederstürzen und ins
Meer fallen.
Aber aus diesem Wasser werde ich durch ein Wunder ein zweites Mal
geboren, verjüngt und gewillt, ein neues Dasein zu beginnen. So ist
die Natur der Adler, so ist unsere Bestimmung."
Nach diesen Worten erhob sich der königliche Adler zum Flug.
Majestätisch und feierlich zog er einen Kreis um den Felsen, wo
seine Söhne verharrten; darauf strebte er steil in die Höhe, um in
der Sonne seine nimmermüden Flügel zu verbrennen.
Das Kamel
Das Kamel wartete geduldig auf den Knien, dass sein Herr aufhöre, es
zu beladen. Ein Sack, zwei Säcke, drei, vier … "Wann wird er
aufhören?" fragte es sich.
Am Ende schnalzte der Mann mit der Zunge, und das Kamel erhob sich.
"Gehen wir," sagte der Herr und zog am Halfter. Aber das Kamel
bewegte sich nicht. "Los, vorwärts!" rief der Mann und ruckte am
Seil. Aber das Kamel stemmte die Füße in den Boden und blieb
unbeweglich stehen.
"Ich habe verstanden", sagte der Herr, und mit einem Seufzer nahm er
zwei Säcke von der Kruppe herunter. "Jetzt scheint mir das Gewicht
vernünftig", murmelte das Kamel und setzte sich in Gang.
Sie marschierten flotten Schrittes den ganzen Tag, und der Mann
hoffte, bald im Dorf zu sein. Doch an einem bestimmten Punkt hielt
das Kamel wiederum. "Los", sagte der Herr, "noch ein paar Meilen,
und wir sind daheim."
Das Kamel antwortete darauf, indem es sich niederlegte. "Meine
Beine", sprach es zu sich, "sagen mir, dass wir für heute genug
gelaufen sind."
Und der Mann sah sich genötigt, abzuladen und die ganze Nacht neben
dem Kamel in der Wüste zu biwakieren.
Der
Pfirsichbaum
Ein Pfirsichbaum, der neben einem Nussbaum lebte, betrachtete voll
Neid die mit Nüssen beladenen Zweige seines Nachbarn.
Warum darf er so viele Früchte tragen, dachte er, und ich so wenige?
Das ist nicht gerecht. Ich will versuchen, es ihm gleichzutun.
"Übernimm dich nicht", sagte ein junger Pflaumenbaum, der seine
Gedanken las. "Siehst du nicht, was für mächtige Zweige der Nussbaum
hat, was für einen Stamm? Jeder muss seiner Kraft gemäß geben. Denke
daran, gute Pfirsiche zu geben. Nicht die Quantität, die Qualität
wiegt!"
Aber der Pfirsichbaum platzte vor Neid und wollte nicht hören. Er
hieß seine Wurzeln, mehr Substanz aus der Erde zu ziehen, seine
Fasern, mehr Saft aufzunehmen, seine Zweige, mehr Blüten zu treiben,
seine Blüten, sich in mehr Früchte zu verwandeln, bis er
schließlich, als seine Zeit kam, von Kopf bis Fuß mit Pfirsichen
beladen war.
Aber die reifenden Pfirsiche nahmen zu an Gewicht, und die Zweige
konnten sie nicht mehr tragen; auch der Stamm konnte alle diese von
Pfirsichen überfüllten Zweige nicht mehr halten. Ächzend bog sich
der Pfirsichbaum, und dann, mit großem Krachen, spaltete sich der
Stamm, und alle Pfirsiche rollten dem Nussbaum vor die Füße.
Der Stieglitz
Als der Stieglitz mit einem kleinen Wurm im Schnabel ins Nest
zurückkehrte, fand er seine Jungen nicht mehr. Irgendjemand hatte
sie während seiner Abwesenheit geraubt.
Der Stieglitz begann jammernd und klagend, sie überall zu suchen.
Der ganze Wald tönte wider von seinen verzweifelten Rufen; aber
niemand antwortete ihm.
Eines Tages sagte ihm ein Fink: "Ich glaube, ich habe deine Jungen
am Haus des Bauern gesehen." Der Stieglitz brach voller Hoffnung
auf, und schon bald kam er zum Hause des Bauern. Er setzte sich aufs
Dach: Da war niemand. Er flog auf die Tenne: Sie war leer. Aber als
er seinen Kopf hob, sah er draußen am Fenster einen Käfig befestigt.
Darin waren seine Jungen. Gefangene. Als er sie so kläglich piepsend
an die Stäbe des Käfigs gedrängt sah, bittend, sie zu befreien,
versuchte er, mit Schnabel und Krallen die Gitter des Gefängnisses
zu zerbrechen - aber vergebens.
Darauf verließ er sie mit lautem Klagen.
Am Tage darauf kehrte der Stieglitz zu dem Käfig zurück, in dem
seine Jungen waren.
Er betrachtete sie. Darauf fütterte er einen um den anderen zum
letzten Mal durch das Gitter. Tatsächlich hatte er seinen Kindern
ein giftiges Kraut gebracht, an dem die kleinen Vögel starben.
"Besser tot", sagte er, "als die Freiheit verlieren."
Die Spinne im Schlüsselloch
Eine Spinne beschloss, nachdem sie von innen und außen das ganze
Haus durchforscht hatte, sich in einem Schlüsselloch zu verstecken.
Welch idealer Zufluchtsort! Wer hätte sie je entdeckt, hier drinnen?
Weiß Gott, sie hätte sich am Rande des Schlüssellochs zeigen und
alles übersehen können, ohne irgendwelche Gefahr zu laufen. "Da
unten," sprach sie bei sich, verstohlen die Steinschwelle
betrachtend, "werde ich ein Netz für die Fliegen spannen; hier
oben," fügte sie, die Stufe erforschend hinzu, "spanne ich ein
anderes für die Raupen. Hier, nahe am Türklopfer, werde ich eine
kleine Mückenfalle aufstellen."
Die Spinne frohlockte. Das Schlüsselloch gab ihr eine neue und
ungewohnte Sicherheit; so eng, dunkel, eisengefüttert schien es
uneinnehmbarer als eine Festung, sicherer als irgendein Panzer.
Während sie in diesen Gedanken schwelgte, drang ein Geräusch von
Schritten an ihr Ohr.
Also zog sie sich klug in ihren Schlupfwinkel zurück. Irgend jemand
blieb vor der Türe stehen, um ins Haus einzutreten. Ein Schlüssel
rasselte, drang ins Schlüsselloch und zerquetschte die Spinne.
Das Netz
Auch an diesem Tag war das Netz voller Fische: Karpfen, Barben,
Rotaugen, Neunaugen,
Schleie, Aale und viele andere endeten in den Körben der Fischer.
Drunten, im Wasser des Flusses, wagten die Überlebenden, entmutigt
und erniedrigt,
sich kaum zu bewegen. Ganze Familien waren schon zum Markt gebracht
worden, ganze Arten ins Netz gegangen oder bereits in der Pfanne
gestorben. Was tun?
Einige junge Gründlinge versammelten sich hinter einem großen Stein
und beschlossen, zu rebellieren. "Hier geht es um Leben oder Tod",
sagten sie. "Dieses Netz, das jeden Tag und immer an einer anderen
Stelle ins Wasser gelassen wird, um uns zu fangen und unserm Element
zu entreißen, wird den Fluss entvölkern und uns alle ausrotten.
Unsere Kinder haben jedoch ein Recht zu leben, und wir müssen etwas
tun, um sie vor dieser Geißel zu bewahren."
"Und was könnten wir tun?" fragte eine Schleie, die den Verschwörern
gefolgt war. "Das Netz zerstören!" antworteten die jungen Gründlinge
einmütig.
Der mutige Entschluss, den schnellen Aalen anvertraut, verbreitete
sich rasch über den ganzen Fluss und lud alle Fische für den
nächsten Morgen zu einer gemeinsamen Aktion in einer Bucht ein, die
von großen Weiden geschützt war.
Am folgenden Morgen fanden sich etwa tausend Fische jeglicher Art
und jeden Alters ein, um dem Netz gemeinsam den Krieg zu erklären.
Die Leitung des Unternehmens wurde einem listigen alten Karpfen
anvertraut, dem es schon zweimal gelungen war, der Gefangenschaft zu
entkommen, indem er mit den Zähnen die Maschen des Netzes zerbissen
hatte.
"Gebt gut acht!" sagte der Karpfen. "Das Netz ist so breit wie der
Fluss, und jede Masche hat auf der Unterseite ein Stück Blei,
welches sie zu Boden zieht. Teilt euch in zwei Gruppen: Die eine
wird die Bleistücke aufheben und an die Oberfläche tragen; die
andere Gruppe wird die Maschen des oberen Teils ganz ruhig
festhalten. Die Neunaugen werden trachten, mit ihren Zähnen die
Schnüre zu zerschneiden, die das Netz zwischen die beiden Ufer
gespannt halten; die Aale werden sofort auf Erkundung gehen, um die
Stelle auszumachen, wo das Netz ausgelegt wurde."
Die Aale brachen auf. Die Fische, in Gruppen eingeteilt,
versammelten sich längs der Ufer. Die Gründlinge ermutigten die
schüchternsten, indem sie ihnen das traurige Ende vieler Gefährten
ins Gedächtnis riefen und sie ermahnten, ohne Furcht in das Netz
verstrickt zu bleiben, weil ja kein Mensch es mehr ans Ufer würde
ziehen können. Die spähenden Aale kamen zurück. Das Netz war
ausgeworfen und befand sich eine Meile entfernt. Daraufhin setzten
sich alle Fische wie eine riesige Flotte in Bewegung, angeführt von
dem alten Karpfen. "Achtung", sagte der Karpfen, "die Strömung
könnte euch in das Netz treiben. Verlangsamt die Fahrt, manövriert
gut mit den Flossen!"
Und das Netz, grau, dunkel, erschien.
Die Fische, von einer unerwarteten Wut ergriffen, gingen zum Angriff
über. Das Netz wurde vom Grund aufgehoben, die Schnüre, die es
spannten, wurden abgeschnitten, die Maschen zerrissen, aber die
erzürnten Fische ließen die Beute nicht fahren. Jeder mit seinem
Stück Masche im Maul, mit Flossen und Schwanz schlagend, so zogen
sie in alle Richtungen, um das Netz zu zerfetzen und zu zerbeißen,
und gewannen so in dem Wasser, das zu kochen schien, die verlorene
Freiheit zurück.
Katze,
Wiesel und Maus
Eine Maus wurde in ihrer engen Behausung von einem Wiesel belagert,
das auf ihren Tod lauerte, und betrachtete durch eine kleine Spalte
die große Gefahr.
Da kam eine Katze, fing das Wiesel und fraß es auf. Die Maus dankte
ihrem Gott von ganzem Herzen und brachte Jovis mehrere Haselnüsse
als Opfer dar. Dann lief sie aus ihrem Loch, und die verloren
geglaubte Freiheit zu genießen. Diese Freiheit aber und auch das
Leben verlor sie sofort durch die grausamen Krallen und Zähne der
Katze.
Der Stein
Ein Stein, neulich erst vom Wasser bloßgelegt und von schöner Größe,
befand sich auf einem gewissen erhöhten Ort, wo ein entzückendes
Wäldchen endete, oberhalb einer mit Felsstücken übersäten Straße, in
Gesellschaft von Kräutern, die von verschiedenen Blüten in
mannigfachen Farben geschmückt waren. Es kam ihm der Wunsch, sich da
hinabfallen zu lassen, in sich sprechend: "Was tue ich hier bei den
Kräutern? Ich will mit diesen meinen Geschwistern in Gesellschaft
wohnen."
Und nachdem er sich hatte hinabfallen lassen, endete er unter den
gewünschten Gefährten die Geschwindigkeit seines Laufs. Und kaum ein
wenig dagewesen, begann er durch die Räder der Wagen, durch die Füße
der eisenbeschlagenen Pferde und der Wanderer in unaufhörlicher
Drangsal zu sein; der kehrte ihn um, jener zerrieb ihn; manchesmal
hob er sich ein kleines Stück, wenn er vom Schmutz oder vom Unrat
irgend eines Tieres bedeckt ward, und vergebens betrachtete er den
Ort des einsamen und ruhigen Friedens.
So geschieht es jenen, die aus dem einsamen und beschaulichen Leben
weg in die Stadt wollen kommen, zwischen die Leute voll unendlicher
Übel.
Die Ulme und der Feigenbaum
Ein Feigenbaum, der voller Begierde war, Sonne für seine sauren
Feigen zu bekommen, stand in der Nähe einer Ulme und sah ihre Zweige
ohne Früchte. Da sagte sie vorwurfsvoll zu ihr:
"O Ulme, schämst du dich denn nicht, so vor mir zu stehen? Aber
warte nur, bis meine Kinder in reifem Alter sind, und du wirst
sehen, wo du dich dann befindest." Als die Kinder herangereift
waren, kam eine Schar Soldaten in die Gegend, die den Feigenbaum, um
seine Feigen abreißen zu können, entzweigten und zerknickten. Als er
so übel zugerichtet dastand, fragte die Ulme: "O Feigenbaum, ist es
nicht viel besser, ohne Kinder zu sein, als ihretwegen in einen so
elenden Zustand zu geraten!"
Die Ameise und das
Weizenkorn
Ein Weizenkorn, das von der Ernte allein auf dem Feld übrig
geblieben war, erwartete den Regen, um in die bergende Erde
zurückzukehren. Eine Ameise entdeckte es, lud es auf und schleppte
es mit großer Anstrengung zur weit entfernten Behausung. Sie ging
und ging, das Weizenkorn schien immer schwerer zu werden auf den
müden Schultern der kleinen Ameise. "Warum lässt du mich nicht
liegen?" sprach das Korn. Die Ameise antwortete: "Wenn ich dich
liegen lasse, werden wir keine Vorräte für diesen Winter haben. Wir
sind viele, wir Ameisen, und jede von uns muss in die Vorratskammer
so viel bringen, wie sie nur findet."
"Aber ich bin nicht nur geschaffen, um gegessen zu werden", sagte
das Weizenkorn darauf. "Ich bin ein Same, voll von Lebenskraft, und
meine Bestimmung ist es, eine neue Pflanze wachsen zu lassen. Höre,
liebe Ameise, machen wir einen Vertrag!" Die Ameise war zufrieden,
ein wenig ausruhen zu können, legte das Korn ab und fragte: "Was für
ein Vertrag soll das sein?" "Wenn du mich auf meinem Feld belässt",
sagte das Korn, "und davon abstehst, mich in deine Behausung zu
tragen, werde ich dir in einem Jahr hundert Körner meiner Art
zurückerstatten."
Die Ameise starrte ungläubig. "Ja, liebe Ameise. Glaub, was ich dir
sage! Wenn du heute auf mich verzichtest, werde ich mich dir
hundertfach geben: ich werde dir hundert Weizenkörner für dein Heim
schenken." Die Ameise dachte: Hundert Körner im Tausch gegen ein
einziges - das ist ein Wunder. Sie fragte das Weizenkorn: "Und wie
wirst du das machen?" "Es ist ein Geheimnis", antwortete das Korn.
"Das Geheimnis des Lebens.
Heb eine kleine Grube aus, begrab mich darin und komm nach einem
Jahr zurück!"
Ein Jahr später kehrte die Ameise wieder. Das Weizenkorn hatte sein
Versprechen gehalten.
Der Pelikan
Als der Pelikan zur Nahrungssuche aufbrach, machte sich die im
Gebüsch versteckte Schlange auf den Weg zum Nest. Die Jungen
schliefen ruhig. Die Schlange näherte sich, und mit einem tückischen
Funkeln in den Augen begann sie ihr Gemetzel. Ein giftiger Biss für
jedes, und die Ärmsten schieden unmittelbar vom Traum in den Tod.
Zufrieden kehrte die Mörderin in ihr Versteck zurück, um sich an der
Rückkehr des Pelikans zu weiden. Kurz darauf kehrte der Vogel
zurück. Beim Anblick seines Verlustes begann er zu weinen, und seine
Klage war so verzweifelt, dass alle Bewohner des Waldes sie bewegt
vernahmen.
"Welchen Sinn hat mein Leben ohne euch?" rief der arme Vater und
betrachtete seine ermordeten Kinder. "Auch ich will sterben, wie
ihr!" Und mit dem Schnabel begann er sich die Brust zu zerfleischen,
gerade oberhalb des Herzens, so dass in Bächen das Blut aus der
Wunde sprudelte und die von der Schlange getöteten Jungen benetzte.
Aber mit einemmal hielt der todgeweihte Pelikan inne. Sein warmes
Blut hatte den Jungen das Leben zurückgegeben, seine Liebe hatte sie
ins Leben zurückgerufen. Nun hauchte er, glücklich, sein Leben aus.
Der
Schwälberich
Die Schwalbe war mit Freudenschreien und fröhlichem Zwitschern zum
alten Nest zurückgekehrt.
Nachdem es gesäubert und instand gesetzt war, hatte sie ihre Eier
gelegt. Dann hatte sie diese bebrütet. Schließlich, nachdem ihre
Kinder geboren waren, hatte sie wieder begonnen, zwischen Nest und
Himmel hin und her zu fliegen, vom Morgengrauen bis Sonnenuntergang,
um ihre zahlreichen Nestbewohner zu ernähren.
Der Schwälberich indessen flog spazieren. Er war geflogen während
der häuslichen Arbeiten, dann während der Brutzeit und flog nun
weiter, alle Tage, von der Frühe bis zur Nacht, ohne sich einen
Augenblick lang Ruhe zu gönnen.
"Warum fliegst du fortwährend?" wurde er eines Tages gefragt. "Weil
es mir nicht liegt zu arbeiten", antwortete er.
Der Feigenbaum
Da
war einmal ein Feigenbaum, der keine Früchte trug. Alle gingen an
ihm vorbei, aber niemand beachtete ihn. Zum Frühling sprossen auch
ihm
die Blätter, aber im Sommer, als die anderen Bäume von Früchten
strotzten, zeigte sich an seinen Zweigen nicht eine Frucht.
"Ach, dass ich auch gelobt würde von den Menschen," seufzte der
Feigenbaum, "und dass ich es schaffte, fruchtbar zu sein wie die
anderen!" Versuch um Versuch.
Schließlich, eines Sommers, fand auch er sich voller Früchte. Die
Sonne ließ sie wachsen, sie schwollen, füllten sich mit Süße. Die
Menschen kamen und staunten. Niemals zuvor hatten sie einen
Feigenbaum so Fruchtbeladen gesehen; und plötzlich eilten sie um die
Wette zu dem sonst einsamen Baum. Sie erkletterten den Stamm, mit
Stangen bogen sie die höheren Zweige, brachen diese durch ihr
Gewicht ab:
Alle wollten die köstlichen Feigen kosten, und bald fand sich der
arme Feigenbaum gebeugt und zerstört wieder.
Mohamed
und der Wein
Der Wein, der göttliche Saft der Rebe, wurde eines Tages in einem
prächtigen Goldpokal auf dem Tisch des Mohamed eingeschenkt. Welche
Ehre! dachte der Wein. Welcher Ruhm für mich: Ich befinde mich auf
dem Tische Mohameds.
Doch plötzlich wurde er von einem gegenteiligen Gedanken durchzuckt
und sprach zu sich selbst: "Aber welche Ehre und welcher Ruhm! Wozu
beglückwünsche ich mich? Nichts stimmt. Was tue ich hier? Ich bin
hier, um zu sterben, denn siehe, ich stehe im Begriff, mein schönes
Haus zu verlassen, diesen edlen Goldpokal, um einzutreten in die
hässlichen und stinkenden Höhlungen des menschlichen Leibes. Und
wenn ich da unten sein werde, wird sich mein lieblicher und
duftender Saft in hässlichen und stinkenden Urin verwandeln! Als ob
dieses Unheil nicht genügt", fuhr der Wein fort, "werde ich auch
noch in einer dunklen Pfütze enden und dort noch lange zusammen mit
anderem übel riechendem Unrat bleiben müssen, welchen die Därme
ausscheiden."
"Oh, Himmel", schrie der Wein verzweifelt, "ich verlange
Gerechtigkeit, verlange Rache für so viel Schändung! Es ist nicht
recht, dass diese Geringschätzung meiner Natur andauert! Jupiter,
Vater Jupiter, ich flehe: Wenn diese Erde die schönsten und besten
Trauben der Welt hervorbringt, füge es, dass sie nie mehr in Wein
verwandelt werden!"
Jupiter hörte ihn und beschloss, seine Bitte zu erfüllen.
Und wirklich, als Mohammed aus dem Goldpokal getrunken hatte, ließ
Jupiter ihm den Geist des Weins zu Kopf steigen und machte ihn
trunken. Als Beute des Rausches führte sich Mohamed wie ein Narr auf
und beging einen Irrtum nach dem anderen; und als er schließlich
wieder zu sich kam, erließ er ein Gesetz, das allen seinen Anhängern
für immer verbot, den Wein zu trinken.
Von da an lebte die Rebe mit ihren süßen Früchten glücklich und in
Eintracht.
Der
Wein und der Trunkene
Eines Abends sagte ein Bauer, der bereits über das zuträgliche Maß
getrunken hatte, zu seiner Frau: "Hol mir einen neuen Fiasco!"
"Es ist der letzte", erwiderte die Frau, als sie die Flasche
brachte. "Wenn du auch diesen trinkst, gibt es nichts mehr."
"Gut!" lallte der Bauer. "Ich will allen Wein austrinken, den wir im
Haus haben. Ich will ihm den Garaus machen!"
So, voller Übermut, soff er einen Becher nach dem andern, bis der
Fiasco leer war. Der Wein war beleidigt und gedachte, sich an seinem
Trinker zu rächen. Als der Bauer ins Freie ging, um Luft zu
schnappen und das Unbehagen zu vertreten, das er im Magen spürte,
ließ ihn der Wein über seine Beine stolpern und schickte ihn
kopfüber mitten in die stinkende Mistgrube.
Das
Papier und die Tinte
Ein
Blatt Papier, das zusammen mit anderen, ihm ähnlichen Blättern auf
einem Schreibtisch lag, sah sich eines Tages mit Zeichen bedeckt.
Eine Feder, in schwärzester Tinte gebadet, hatte es mit vielen
Wörtern und Zeichen übersät. "Konntest du mir diese Erniedrigung
nicht ersparen?" sagte das Blatt erzürnt zur Tinte. "Du hast mich
besudelt mit deiner höllischen Schwärze und für immer ruiniert!"
"Warte ab", antwortete ihm die Tinte. "Ich habe dich nicht besudelt,
sondern dich mit Sinnbildern versehen. Jetzt bist du kein Blatt
Papier mehr, sondern eine Botschaft. Du gewahrst den Gedanken des
Menschen und bist somit ein kostbares Instrument geworden."
Und in der Tat: Bald darauf machte jemand Ordnung auf dem
Schreibtisch, sah die verstreuten Blätter und wollte sie ins Feuer
werfen. Unversehens kam ihm das "besudelte" Blatt in die Hand, und
er schied es von den anderen und legte es zurück auf seinen Platz,
weil es unübersehbar die Botschaft der menschlichen Intelligenz
trug.
Der
Vogelbeerbaum
Der arme Vogelbeerbaum konnte nicht mehr. Jetzt, da sein Laub von
neuem von dunklen Beeren strotzte, plünderten die aufdringlichen und
frechen Amseln mit ihren Schnäbeln und Krallen alle seine Zweige.
"Bitte", flehte der Vogelbeerbaum die lästigen Amseln an, "lasst mir
wenigstens die Blätter. Ich weiß, dass euch meine Beeren sehr gut
schmecken, sie sind eure Vorzugsspeise. Aber beraubt mich nicht der
schattenden Blätter, die mich gegen die sengenden Strahlen der Sonne
schützen, und zerschindet mich nicht mit euren Krallen, beraubt mich
nicht meiner zarten Rinde."
Auf diese Rede antwortete eine Amsel beleidigt: "Schweig, du dürres
Astgewirr! Weißt du nicht, dass die Natur dich diese Früchte
hervorbringen ließ, um uns zu nähren? Siehst du nicht, dass du zur
Welt kamst, um uns als Speise zu dienen? Weißt du Tölpel nicht, dass
dich im nächsten Winter das Feuer fressen wird?"
Der Vogelbeerbaum hörte diese Worte mit äußerster Betrübnis und
schwieg.
Bald darauf geriet die unverschämte Amsel in das Netz, das der
Mensch aufgestellt hatte.
Um den Vogel in einen Käfig zu sperren, nahm er Zweige. Auch solche
vom Vogelbeerbaum lieferten ihm Stäbe dafür. "Sieh da", sagte darauf
der Vogelbeerbaum, "ich bin noch da, und meine Zweige nehmen dir nun
die Freiheit, mit der du mich misshandelt hast. Ich bin noch nicht
vom Feuer verzehrt, wie du mir androhtest: Ehe du mich brennen
siehst, sehe ich dich endgültig in Gefangenschaft."
Der Schwan
Der Schwan neigte den biegsamen Hals aufs Wasser und spiegelt sich
lange. Da begriff er die Ursache seiner Müdigkeit und dieser Kälte,
die seinen Körper wie mit Zangen griff und zittern machte wie im
Winter: Mit absoluter Gewissheit wusste er, dass seine Stunde
geschlagen hatte und dass er zum Sterben bereit sein musste. Seine
Federn waren noch weiß wie am ersten Tag seines Lebens. Er hatte
Jahre und Jahreszeiten durchmessen, ohne sein unbeflecktes Kleid zu
beschmutzen. Jetzt konnte er Abschied nehmen und sein Leben in
Schönheit beschließen.
Den schönen Hals hebend, steuerte er langsam, fast feierlich unter
eine Trauerweide, wo er an heißen Tagen zu ruhen pflegte. Es war
schon Abend. Der Sonnenuntergang verfärbte das Seewasser purpurn und
violett. Und in dem großen Schweigen, das sich auf alles
niedersenkte, begann der Schwan zu singen.
Niemals zuvor hatte er Töne so voller Liebe für alle Natur, für die
Schönheit des Himmels, des Wassers und der Erde gefunden. Sein
süßester Gesang verschwebte in der Luft, von Schwermut umflort, bis
er sich leise, leise verlor, eins mit dem letzten Licht des
Horizontes.
Es ist der Schwan", sagten bewegt die Fische, die Vögel, alle Tiere
des Waldes und der Wiesen, "es ist der Schwan, der stirbt."
Falscher Glanz führt
ins Verderben
Die eitle und flatterhafte Lichtmotte war nicht damit zufrieden,
bequem in der Luft herumfliegen zu können. Angezogen von der
reizvollen Flamme einer Kerze, beschloss sie, in diese
hineinzufliegen. Ihr froher Flug aber führte schnell zu Traurigkeit.
Als sich die Flügel im Lichte der Kerze verzehrten und der
Schmetterling elend und ganz verbrannt am Fuße des Leuchters
niedergefallen war, sagte er, nachdem er lange geweint und seine Tat
bereut, sich die Tränen aus den Augen gewischt und das Gesicht
emporgehoben hatte: "O falsches Licht! Wie viele wirst du schon
ebenso wie mich in der vergangenen Zeit getäuscht haben! Ach, wenn
ich bloß Licht sehen wollte, hätte ich da nicht die Sonne von dem
falschen Schein des Talges unterscheiden müssen?"
Auster, Ratte und Katze
Eine Auster, die zusammen mit anderen Fischen im Hause eines
Fischers nahe am Meer abgeladen worden war, bat eine Ratte, sie möge
sie an das Meer tragen. Die Ratte hatte jedoch die Absicht, sie
aufzufressen. Deshalb verlangte sie von der Auster, dass sie sich
öffne. Aber als die Ratte zubeißen wollte, klemmte ihr die Auster
den Kopf ein und hielt sie fest. In diesem Augenblick kam eine Katze
und tötete die Ratte.
Der Wildbach
Ein Wildbach, der vergaß, dass er seine Wasser dem Regen und anderen
Bächen verdankte, gedachte anzuschwellen, um groß und mächtig zu
werden wie ein Fluss.
Er begann also, ungestüme Wellen gegen das Ufer zu werfen und voll
Eifer Erde und Steine aufzuwühlen, damit sein Bett breiter würde.
Als jedoch plötzlich die Sonne wiederkam, fand sich der arme
Wildbach gefangen von all den Steinen, die er am Uferrand aufgetürmt
hatte, und mit großer Mühe musste er sich eine neue Straße bahnen,
um zu Tal zu gelangen.
Der
Lorbeer und die Myrte
Zwei Bauern, die Beile in den Händen hielten, blieben am Birnbaum
stehen. "Birnbaum," rief der Lorbeer, "sie kommen deinetwegen!" Die
Bauern fassten die Äxte fester und begannen tatsächlich, das
Stammende zu behauen, um den Baum zu fällen.
"Birnbaum", rief darauf die Myrte, "wohin gehst du? Wo ist der
Stolz, den du hattest, als deine Zweige voller Früchte hingen?"
"Jetzt," fügte der Lorbeer hinzu, "wirst du keinen Schatten mehr mit
deiner dichten Krone spenden."
Der Birnbaum, zu Tode getroffen, murmelte: "Ich gehe mit diesen
Bauern, die mich fällen, um mich in die Werkstatt eines
ausgezeichneten Bildhauers zu bringen. Dieser wird mir durch seine
Bildhauerkunst die Form des Gottes Jupiter geben; sie werden mich in
einen eigens für mich errichteten Tempel tragen, und alle Menschen
werden mich anbeten. Und du, Lorbeer, und du, Myrte, ihr seid zu
gebrochen und beschnittenen Zweigen verurteilt, denn die Menschen
werden kommen und euer Laub nehmen, um mich damit zu krönen und mir
die Ehren zu erweisen, die sie einem Gotte schuldig sind."
Fröhlichkeit und Traurigkeit
"Wer ist das fröhlichste Tier?" fragte man einen alten Bauern.
"Es ist der Hahn," antwortete der Bauer. "Der Hahn und die
Fröhlichkeit sind eins. Er freut sich, wenn der Tag geboren wird,
und singt; er freut sich, wenn die Sonne aufgeht, und singt; er
läuft, springt, kämpft und spielt, immer singend, glücklich und
zufrieden, und der ganze Hof hört auf ihn und freut sich mit."
"Und das traurigste Tier?" fragten sie den weisen Bauern noch.
"Das traurigste Tier ist der Rabe," lautete die Antwort. "Die
Traurigkeit ist genau wie er. Wenn sich im Nest die Eier öffnen und
dem Raben Kinder geboren werden, flieht er, weil er sie so federlos
und weiß sieht, und gibt sie in großem Kummer auf. Er zieht sich auf
einen benachbarten Baum zurück und weigert sich, die Jungen zu
ernähren. Bis er schließlich bemerkt, dass auf ihrer Haut die ersten
schwarzen Federchen zu sprossen beginnen. Und nun kehrt er zurück."
Der Adler
Ein Adler, der eines Tages aus seinem hochgelegenen Nest niedersah,
erblickte einen Uhu.
"Was für ein komisches Tier," sprach er zu sich. Von Neugier
getrieben, spannte er seine großen Flügel aus und begann in weiten
Kreisen niederzusteigen. Als er dem Uhu nahe gekommen war, fragte er
ihn: "Wer bist du? Wie heißt du?"
"Ich bin der Uhu," antwortete zitternd der arme Vogel. "Haha! Wie
komisch du bist!"
lachte der Adler, weiter um den Baum kreisend. "Du bestehst nur aus
Augen und Federn.
Sehen wir ein wenig," fügte er an, sich auf einem Ast niederlassend,
"sehen wir aus der Nähe, wie du beschaffen bist. Lass mich deine
Stimme besser hören! Wenn sie so schön ist wie dein Gesicht, wird
man die Ohren schließen müssen."
Dabei versuchte der Adler, sich mit Hilfe der Flügel einen Weg durch
die Zweige zu bahnen. Aber zwischen den Zweigen des Baumes hatte ein
Bauer Leimruten gespannt und auch die großen Äste mit Leim
bestrichen. So fand sich der Adler unversehens mit den Flügeln an
den Baum geheftet, und je mehr er sich zu befreien strebte, um so
mehr verschmierte er alle Federn mit Leim.
Der Uhu meinte: "Adler, bald wird der Bauer kommen, dich fangen und
in einen Käfig sperren. Vielleicht wird er dich auch töten, um die
Lämmer zu rächen, die du gerissen hast. Du, der du im Himmel lebst,
frei von aller Gefahr - was musstest du auch herniederkommen, um
deinen Spott an mir auszulassen?"
Der
Floh und der Hammel
Ein Floh, der im geschorenen Fell eines Hundes wohnte, spürte eines
Tages einen angenehmen Geruch von Wolle.
"Was ist los?" Er machte einen kleinen Sprung und bemerkte, dass
sein Hund auf dem Fell eines Hammels eingeschlafen war. "Welch ein
Pelz ist das gegen meinen!" sprach der Floh. "Er ist dicker und
weicher, und vor allem ist er sicherer. Da besteht keine Gefahr,
dass die Krallen und Zähne, die sich bemühen, mich zu erwischen,
eindringen; und außerdem wird das Hammelfell gewiss auch wohnlicher
sein."
Damit, ohne weiter nachzudenken, wechselte der Floh seine Behausung:
Er sprang vom Fell des Hundes in den Pelz des Hammels. Aber - die
Wolle war dicht, ganz dicht und dick, so dass es nicht leicht war,
an die Haut heranzukommen. Versuch um Versuch, in Geduld ein Haar
vom anderen zu trennen und mit Mühe einen Durchgang zu öffnen – und
schließlich gelangte der Floh an die Haarwurzeln. Aber diese standen
so dicht, dass sie dem Floh keinen Raum ließen, durch den er die
Haut hätte kosten können. Müde, schwitzend und enttäuscht beschloss
der Floh, zum Hund zurückzukehren; aber der war verschwunden.
Armer Floh! Seinen Irrtum bereuend, weinte er tagelang, um
schließlich im dicken Hammelfell verhungert zu sterben.
Der Ibis
Dieser Vielfraß von einem Ibis! Jetzt, da er laufen gelernt hatte
und fliegen konnte, kannte er kein Halten mehr. Immer war er auf der
Suche nach Fressen und schluckte gierig alles, was ihm vor den
Schnabel kam, ohne Unterschied und Maß.
Eines Morgens blieb der junge Ibis - aus gutem Grund - im Nest; er
hatte Fieber und arge Leibschmerzen. Seine Mutter kam eilends zu
ihm, betrachtete ihn besorgt, betastete ihn mit dem Schnabel und mit
den Klauen und sagte schließlich: "Ich weiß schon. Hast irgend etwas
gefressen, was du nicht solltest, weil du ein Vielfraß bist, und nun
macht dir das zu schaffen!"
Nach diesen Worten ging die Mutter an den Teich und füllte sich den
Hals mit Wasser, ging zum Nest und herrschte den Sohn an: "Dreh dich
um!" Und mit dem langen Schnabel gab sie ihm ein Klistier.
Die Elefanten
Der mächtige Elefant besitzt von Natur, was sich unter den Menschen
sehr spärlich findet: Ehrenhaftigkeit, Klugheit und
Gerechtigkeitssinn.
Die Elefanten sind fromm; und sie zeigen das bei jedem Neumond: Um
ihn feierlich zu begrüßen, steigen sie in den Fluss und nehmen lange
Waschungen vor. Wenn sie krank sind, legen sie sich auf die Erde und
rupfen mit dem Rüssel Blumen und Kräuter, werfen sie in die Höhe,
gegen den Himmel, als brächten sie ein Bittopfer dar. Wenn sie im
Alter die Stoßzähne verlieren, so begraben sie diese. Gewöhnlich
gebrauchen sie einen Zahn, um die Wurzeln auszuheben, von denen sie
sich nähren, während sie den anderen für den Kampf verwenden. Wenn
sie von Jägern umzingelt sind und sich für einen erfolgreichen
Widerstand zu schwach fühlen, schlagen
sie die Stoßzähne so lange gegen die Bäume, bis sie ausbrechen. Sie
wissen, dass die Menschen sie nur töten, um sich in den Besitz ihrer
Zähne zu setzen. Und so handelnd, retten sie ihr Leben.
Eines Tages fand ein Elefant einen Mann, der im Walde umherirrte. Er
näherte sich ihm, lud ihn ein, ihm zu folgen, und half ihm, die
Straße wieder zu finden. Ein andermal sah er nur Fußspuren, und
einen Hinterhalt fürchtend, verhielt er schnaubend und zeigte die
Abdrücke seinen Gefährten. Und so setzten sie gemeinsam und mit
Vorsicht ihren Weg fort.
Herkömmlich leben sie in Herden, vom Ältesten angeführt, während der
Zweitälteste am Schluss der Herde geht. Sie haben großes Schamgefühl
und paaren sich nur bei Nacht und im Verborgenen. Nach der Paarung
kehren sie zur Herde zurück, aber nicht, ohne sich zuvor im Fluss
gebadet zu haben.
Sie kämpfen nie um die Weibchen, wie viele andere Tiere es tun, und
mit den Schwächeren gehen sie wohlwollend um. Wenn sie anderen
Herden oder Tieren begegnen, so schaffen sie Platz mit dem Rüssel,
um niemanden zu stoßen. Sie tun keinem weh, es sei denn, sie würden
gereizt.
Einst fiel ein Elefant in eine Falle. Daraufhin begannen alle
Mitglieder der Herde, Zweige und Steine in die Grube zu werfen, um
den Boden zu erhöhen und dem Gefährten dadurch zur Rettung zu
verhelfen. Wenn sie Schweine schreien hören, fürchten sie sich.
Sie lieben die Flüsse und tummeln sich immer wieder an ihren Ufern,
aber sie können nicht gut schwimmen - sie sind zu schwer. Sie
fressen sogar Steinbrocken, besonders aber dienen Bäume ihnen zur
Nahrung. Sie hassen die Ratten. Fliegen dagegen werden von ihrem
Geruch angelockt. Aber wenn diese sich auf ihrer Haut niederlassen,
runzeln sie die Haut und töten sie dadurch.
Wenn sie einen Fluss überqueren wollen, schicken sie die Jungen
stromab in flacheres Wasser, während die Älteren stromauf gehen und
mit ihrer gewaltigen Masse einen Damm bilden, der die Strömung
bricht und das Wasser hindert, ihre Kleinen fortzureißen.
Der ärgste Feind des Elefanten ist der Drache. Er greift ihn an,
indem er sich unter seinen Bauch wirft: Mit dem Schwanz bindet er
ihm die Füße, und mit den Flügeln und Klauen krallt er sich in den
Leib ein, während er ihm mit seinen Zähnen die Gurgel zerfleischt.
Aber der Elefant schüttelt sich und stürzt schließlich mit seinem
Gewicht auf den Drachen und erdrückt ihn.
Und so rächt er sich sterbend an seinem Mörder.
Die Kastanie und der
Feigenbaum
Ein alter Kastanienbaum sah eines Tages einen Mann auf einem
Feigenbaum. Dieser Mann bog die Zweige zu sich, löste die reifen
Früchte ab, steckte eine nach der anderen in den Mund und zerkaute
sie.
Und die Kastanie, mit unmutigem Murren, sprach: "Ach, Feige, wie
viel weniger als ich verdankst du doch der Mutter Natur! Siehst du,
wie sie mit mir verfuhr? Wie sie meine Kinder wohl umsorgt und
geschützt hat, zuerst mit einem feinen Hemd, darüber dann mit einem
Rock von fester und gefütterter Schale? Und nicht genug mit solcher
Fürsorge, hat sie für diese auch noch ein festes Gehäuse konstruiert
und darauf so scharfe und spitze Dornen gepflanzt, dass sie vor den
Händen des Menschen sicher sind!"
Als der Feigenbaum das hörte, begann er mit allen seinen Feigen zu
lachen, und nachdem er sich ausgelacht hatte, sprach er
folgendermaßen: "Aber kennst du denn den Menschen nicht? Er ist so
geschickt, dass er dich dennoch aller deiner Früchte beraubt.
Bewaffnet mit Stangen, Stöcken und Steinen, rückt er deinen Zweigen
zuleibe, bringt alle deine Früchte zum Fallen, und wenn sie gefallen
sind, zerstampft und zerteilt er sie, um sie aus dem Gehäuse zu
vertreiben, das so gut mit Stacheln bewehrt ist; und deine Söhnchen
kommen übel zugerichtet, zerplatzt und verbeult heraus. Ich dagegen
werde mit Zartgefühl behandelt, ich werde nur mit den Händen
berührt."
Die Lilie
Am
grünen Ufer des Flusses Ticino stand einst eine schöne Blume:
eine Lilie. Hoch und schlank auf einem Stiel, spiegelte die Blume
ihre weißen Blütenblätter im Wasser, und das Wasser hätte sie gern
besessen.
Jede Welle, die vorbeirauschte, trug mit sich das Bild dieser weißen
Blumenkrone und reichte die eigene Sehnsucht weiter an die Wellen,
die noch kommen mussten, um sie zu sehen.
So begann der ganze Fluss zu beben, die Wellen wurden unruhig und
stürmisch; und weil sie die Lilie, fest gepflanzt im Boden und so
hoch auf starkem Stiel, nicht erreichten, warfen sie sich wütend
gegen das Land, bis das Hochwasser das ganze Ufer fortriss, mitsamt
der reinen und einsamen Lilie.
Der
Bauer und die Rebe
Der Bauer hat mich gern, dachte die Rebe, als der Landmann sie mit
vielen Stecken und mit anderen Stützen befestigte und ihre Zweige
hochband. "Ich muss ihm das mit vielen Trauben vergelten." So
strengte sich die Rebe an und brachte viele Trauben hervor.
Aber nach der Weinernte entfernte der Bauer unversehens alle die
Stecken und Stützen und warf sie seitlings auf einen Haufen. Ohne
Halt und Stütze sank die arme Rebe zu Boden.
Der Bauer zerhackte die Stöcke gleichgültig mit seinem Beil, trug
sie nach Hause und warf sie ins Feuer.
Die Spinne und die Hornisse
Eine Spinne, die zufällig an eine oft von Fliegen aufgesuchte Stelle
kam, begab sich unmittelbar ans Werk, ihre Netze auszuspannen. Sie
wählte zwei Äste als Mittelpunkt, begann sofort, ihr Weberschiffchen
von einem zum anderen gehen zu lassen, und konstruierte, ihre
Silberfäden spinnend, ein dichtes Gewebe. Als ihre Arbeit getan war,
verbarg sie sich hinter einem Blatt.
Sie musste nicht lange warten. Eine neugierige Fliege verfing sich
sofort in dem Netz, und die Spinne eilte herzu und verspeiste das
Opfer.
Aber eine Hornisse, die von einer Blumenkrone aus alles beobachtet
hatte, erhob sich zum Flug gegen die Spinne und durchbohrte sie mit
ihrem Stachel.
Das Krokodil und die
Pharaonsratte
Ein Krokodil vergoss viele Tränen, nachdem es einen Mann getötet
hatte, der unter einer
Palme schlief.
"Siehst du," sagte eine Pharaonsratte zu ihrem Sohn, "was für ein
Heuchler das Krokodil ist:
Jetzt weint es, und gleich wird es sein Opfer verschlingen."
Tatsächlich machte sich das Krokodil nach einem Weilchen daran,
seine Beute seelenruhig zu verspeisen. Nach diesem Mahl schlief es
am Ufer des Flusses mit offenem Maul und in Übereinkunft mit einem
kleinen Kolibri, der sein Freund war und ihm die Speisereste
fortpickte, die noch zwischen den Zähnen saßen.
Freundlichst von dem ordentlichen Vögelchen gestochert, öffnete das
schlafende Krokodil seine mächtigen Kiefer noch mehr.
Darauf sagte die Pharaonsratte zu ihrem Sohn: "Jetzt gib gut acht.
So bringt man Verräter um!" Und mit einem Anlauf stürzte sie sich in
den Rachen des Krokodils, schlüpfte geschmeidig durch die Kehle und
in den Magen, den sie mit ihren spitzen Zähnen zerbiss.
Das Krokodil erwachte durch den unvermuteten Überfall, begann sich,
eine Beute der Schmerzen, auf der Erde zu wälzen und zu schreien,
weil es seine Eingeweide misshandelt fühlte, bis es schließlich, von
den Bissen der Pharaonsratte innerlich zerfleischt, mit dem Bauch
nach oben steif liegen blieb.
Der
Fuchs und die Elster
Ein hungriger Fuchs, der unter einem Baum ruhte, vernahm eines Tages
einen Schwarm
lärmender Elstern.
Unauffällig begann der Fuchs, sie zu beobachten, und bemerkte, dass
die Vögel immerfort auf der Suche nach Futter waren und keine Furcht
zeigten, sich niederzulassen und Nahrung zu picken, sogar von den
Körpern toter Tiere.
"Probieren wir's," sprach der Fuchs zu sich und öffnete allmählich
und geräuschlos das Maul.
Er tat, als sei er tot. Bald darauf sah eine Elster dies und stürzte
sich sogleich vom Baum.
Sie näherte sich dem Fuchs und begann, in die Zunge des
Totgeglaubten zu picken.
So ließ sie den Kopf im Maul des Fuchses wie in einem Fangeisen.
Die
Weide und der Kürbis
Es war einmal eine Weide, die es zu nichts gebracht hatte: sie hatte
nie die Freude zu sehen, dass ihre Zweige sich himmelan reckten.
Bald weil sich eine Rebe um ihren Stamm rankte, bald weil irgendeine
andere Pflanze an ihr schmarotzte - immer war irgend etwas, das sie
zu wachsen hinderte, und oftmals wurde sie verstümmelt und verletzt.
Alle ihre Energien aufraffend, begann die Weide schließlich zu
träumen und über einen Ausweg aus dieser Sklaverei nachzudenken.
Sie dachte und dachte und beschloss, nacheinander alle Pflanzen
ihrer Umgebung und die besonderen Bedürfnisse einer jeden zu prüfen,
um schließlich die herauszufinden, die sich niemals auf ihre Äste
verlassen musste. Jeden Tag in diesen Phantasien lebend, kam ihr
endlich eine Idee und eine Erleuchtung.
Ja! Kein anderer als er: der Kürbis! Die Weide schüttelte vor
Zufriedenheit alle ihre Zweige.
Der Kürbis war just der ideale Gefährte, weil er mehr vorausdachte:
Er band die anderen an sich, statt sich an die anderen zu binden.
Nach so getroffener Wahl richtete die Weide ihre Zweige gegen den
Himmel in der Hoffnung, sich einem Vogel bemerkbar zu machen. Und
darüber kam eine Elster in ihre Nähe, und schon rief die Weide sie
an: "Freundlicher Vogel, ich hoffe, dass du nicht die Hilfe
vergessen hast, die ich dir vor einigen Tagen erwiesen habe, als ein
Falke dich hungrig und grausam verschlingen wollte und du dich in
meinen Ästen verbargst.
Und auch die Rastpausen wirst du nicht vergessen haben, die du auf
mir genossen hast, als deine Flügel nach Ausruhen verlangten; und
noch weniger das Vergnügen, das meine Zweige dir gewährten, als du
mit deinen Gefährten deine Liebesspiele triebst. Um aller dieser
Dinge willen, freundlicher Vogel, hoffe ich, dass du mir nicht die
Gunst verweigerst, die ich erbitte.
Höre! Ich bitte dich, auf die Suche nach einem Kürbis zu gehen,
damit er dir einige von seinen Samenkernen gebe. Und zu diesen Samen
wirst du sagen, dass sie keine Furcht vor mir haben sollen: Wenn
ihre Keime aufgegangen sind, will ich sie behandeln wie meine
eigenen Kinder. Suche die richtigen Worte, überzeuge den Kürbis, dir
die Samen zu lassen, und die Samen, gern mit dir zu kommen! Du bist
die Meisterin der schönen Rede, Freundin Elster, und bedarfst keiner
Belehrung. Wenn du mir diesen großen Gefallen erweist, werde ich
mich glückliche schätzen, dein Nest auf meinen jüngsten Zweigen zu
beherbergen und es mit deiner gesamten Familie zu bewachen, ohne von
dir Miete zu verlangen."
Nachdem die Elster einen Vertrag mit der Weide geschlossen hatte,
die sich vor allem verpflichtete, in ihrem Laub weder Schlangen noch
Marder aufzunehmen, warf sie sich, Schwanz in die Höhe, den Kopf
gesenkt, im Sturzflug vom Ast, all ihr Gewicht den Flügeln
anvertrauend. Heftig die weichende Luft schlagend und das
Steuerruder des Schwanzes nach rechts oder links lenkend, landete
sie bald schon vor einem Kürbis.
"Meine Reverenz und meinen Gruß!" sprach sie zu diesem. Dann, nach
weiteren höflichen
wohllautenden Wendungen, erbat sie die von der Weide begehrten
Samenkerne. Sie erhielt diese und kehrte zu ihrem Baumfreund zurück,
der sie mit Freude empfing. "Jetzt musst du sie einpflanzen", sagte
die Weide.
Die Elster ließ sich flatternd auf die Erde nieder, und nachdem sie
den Boden zu Füßen der Weide aufgescharrt hatte, nahm sie einen
Samenkern nach dem andern mit dem Schnabel und pflanzte sie rund um
den Stamm ein. Die Samen gingen binnen kurzem auf. Es sprossen die
Kürbispflänzchen hervor, wuchsen, bildeten neue Zweige und
umklammerten langsam, allmählich die Zweige der Weide. Mit ihren
großen Blättern stahlen die jungen Kürbisse dem Baum die Schönheit
des Himmels und der Sonne.
Wie wenn das nicht genug wäre, begannen die Kürbisse auch noch mit
ihrem Gewicht die
Spitzen der jungen Weidensprossen zu Boden zu ziehen, sie zu martern
und sie zu
zerreißen. Vergebens wehrte sich die Weide, schüttelte sich ohne
Erfolg, um die Kürbisse
abzuwerfen, und fuhr fort, sich zu winden und zu wenden in der
trügerischen Hoffnung,
ihre Freiheit zurückzugewinnen. Sie war so verzweifelt, weil sie
nicht einmal begriff, dass
die Kürbisse mit so vielen Banden an sie gefesselt waren, dass
niemand sie wieder hätte
daraus lösen können.
Wenn der Wind vorbeikam, schrie die Weide vor Schmerz und bat ihn um
Hilfe. Der Wind vernahm es und blies nur um so stärker. Dann brach
der Stamm, dem die Kürbisse alle Nahrung geraubt hatten, auseinander
– bis zur Wurzel hin. Ein Stück des Baumes fiel auf die eine, das
andere auf die andere Seite. Und stöhnend auf das selbstverschuldete
Missgeschick, beklagte die Weide, unter einem so unguten Stern
geboren zu sein.
Die Waldrebe
Im Schatten der Hecke wand die Waldrebe ihre grünen Ranken um die
Stämme und Zweige des Weißdorns. In der Höhe angelangt, sah sie um
sich und erblickte einen anderen Weißdorn, der den
gegenüberliegenden Teil der Straße flankierte.
"Wie würde ich es schön finden, bis dahin zu gelangen!" sagte die
Waldrebe. "Jener Weißdorn ist größer und schöner als dieser."
Und Stückchen für Stückchen, die Arme vorstreckend, näherte sie sich
jeden Tag mehr dem gegenüberwohnenden Weißdorn. Endlich erreichte
sie ihn, wand sich um einen Zweig und begann glücklich, ihn zu
umgarnen.
Aber bald danach passierten Spaziergänger diese Straße und fanden
sich unversehens diesem Zweig der Waldrebe gegenüber, der den Weg
versperrte. Darum zerbrachen sie ihn mit den Händen, rissen ihn ab
und warfen ihn in den Graben.
Das
gestohlene Ei
Einst befanden sich in einem Garten zwei Nester von Rebhühnern;
eines war auf einer Zypresse, das andere auf einem Ölbaum.
Eines Tages nun stahl das Rebhuhn, das in der Zypresse wohnte, ein
Ei von jenen im Ölbaum, um es den Eiern zuzufügen, welche es schon
brütete.
Nach kurzer Zeit öffneten sich in beiden Nestern die Eier, und beide
Rebhühner wurden Mütter. Ihre Kinder wuchsen, erhielten ein
Federkleid, bis der große Tag des ersten Fluges herankam.
Eines hinter dem andern warfen sich die Kleinen, die im Ölbaum
wohnten, nach unten, flügelten eine Runde und kehrten stolz und
wohlbehalten in das heimische Nest zurück.
Eines hinter dem andern stürzten sich auch die, welche in der
Zypresse wohnten, nach unten und flogen durch den Garten. Aber eins
von ihnen, anstatt wieder auf die Zypresse zurückzukehren, flog zu
dem Nest, das im Ölbaum gebaut war.
Es war der Vogel, der aus dem geraubten Ei geboren war. Sein
Instinkt ließ ihn zur wahren Mutter zurückkehren.
Das Hermelin
Ein Fuchs war beim Fraß, als ein hübsches Hermelin vorbeikam.
"Darf ich etwas anbieten?" fragte der Fuchs, der satt war. "Danke,"
antwortete das Hermelin, "ich habe schon gespeist." — "So, so,"
lachte der Fuchs. "Ihr Hermeline speist nur einmal am Tag und
bevorzugt zu fasten, ehe ihr euch das Kleid befleckt."
In diesem Augenblick nahten die Jäger. Der Fuchs versteckte sich
blitzschnell in einer Bodenwelle, und das Hermelin, nicht weniger
schnell als der Fuchs, rannte zu seiner Höhle.
Aber die Sonne hatte den Schnee geschmolzen und die Höhle in einen
Sumpf verwandelt.
Das schneeweiße Hermelin zögerte, da es sich nicht beschmutzen
wollte, und die Jäger trafen es tödlich.
Das Hermelin zieht es also vor zu sterben, ehe es seine
Makellosigkeit befleckt.
Der
Falke und die Ente
Jedes Mal, wenn er Jagd auf Enten machte, wurde der edle Falke
zornig. Diese Enten kriegten es fertig, ihn zum Narren zu halten,
indem sie im letzten Augenblick in das Wasser eintauchten und länger
unter Wasser blieben, als er sich in der Luft halten konnte, um
ihnen aufzulauern.
An diesem Morgen beschloss der Falke, sich zu beherrschen. Nachdem
er mit ausgebreiteten Schwingen viele Kreise gezogen hatte, um die
Lage auszumachen, und nachdem er genau seine Jagdbeute bestimmt
hatte, stürzte der edle Räuber wie ein Meteor hernieder. Aber die
Ente, noch flinker, tauchte kopfüber hinweg.
"Dieses Mal entkommst du mir nicht!" schrie der Falke erbost, und er
tauchte ein. Die Ente sah in unter Wasser, schnellte hinweg, tauchte
wieder auf, spannte die Flügel und erhob sich zum Flug. Der Falke
aber, mit triefenden Schwingen, vermochte nicht den Flug
wiederaufzunehmen.
Aus der Höhe rief ihm die Ente zu: "Adieu, Falke! Ich kenne mich
wohl in deinem Himmel aus,
du aber musst in meinem Wasser scheitern!"
Der
Löwe und das Lämmchen
Eines Tages brachte man einem gefangenen Löwen ein junges Lämmchen
zum Fraß. Es war so unschuldig und arglos, dieses Schäfchen, dass es
keine Furcht vor dem Löwen empfand, sondern ganz nahe an ihn
heranging, als wäre er seine Mutter. Mit staunenden und demütigen
Blicken sah es ihn an.
Der Löwe, von so viel vertrauensseliger Unschuld gerührt, hatte
nicht das Herz, das Lämmchen zu töten, und blieb brummend zurück,
den Hunger in seinem Leibe.
Der Pfau
Der Bauer schloss das Hoftor ab und ging. Er hoffte, bald
zurückzukehren, aber die Tage
verstrichen, ohne dass er sich wieder sehen ließ.
Die Tiere des Hofes litten Hunger und Durst; am Ende krähte nicht
einmal der Hahn mehr.
Alle standen unbeweglich, um keine Kräfte zu verbrauchen, im
Schatten eines Baumes.
Nur der Pfau erhob sich auch an diesem Tag schwankend auf seine
Füße, öffnete seinen
großen, vielfarbigen Schwanz zum Fächer und begann, auf und ab zu
stolzieren.
"Mama," fragte ein mageres Hühnchen die Henne, "warum schlägt der
Pfau jeden Tag sein Rad?"
"Weil er ein Geck ist, Töchterchen. Und die Eitelkeit ist ein
Laster, das man nur mit dem Tod bezahlen kann."
Das
Rasiermesser
Als das Rasiermesser eines schönen Tages aus seinem Griff, der ihm
als Scheide diente, herauskam und sich ins Fenster legte, sah es die
Sonne sich in seinem Leibe spiegeln.
Da fühlte es sich von ungeheurem Glanz durchströmt und in Gedanken
an sein Handwerk
sprach es zu sich selber:
"Niemals will ich wieder in die enge Stube zurück, aus der ich kam!
Mögen die Götter verhüten, dass meine leuchtende Schönheit so
erniedrigt wird. Welcher Unsinn, die eingeseiften Knasterbärte
dummer Bauern zu rasieren, was ist das für Hausknechtsarbeit! Ist
dieser blitzende Leib dazu geschaffen? O bei Gott nein, ich will
mich an einem verborgenen Ort verstecken und dort in stiller Ruhe
mein weiteres Leben verbringen."
Und so tat das Rasiermesser.
Als es nun einige Zeit in seinem Versteck zugebracht hatte, kehrte
es eines Tages an die Luft zurück. Aber o Schreck! Es merkte, dass
es aussah wie eine alte, verrostete Säge, die Sonne blitzte nicht
mehr auf der stumpfen Fläche. Vergebens war alle Reue, nutzlos alles
Klagen. "Wie viel besser hätte ich getan," sprach das Rasiermesser
bei sich, "meine scharfe, nun verdorbene Schneide beim Barbier zu
üben! Wo ist mein glänzender Leib? Weh mir, der tückische Rost hat
ihn zerfressen."
Ganz so, meine Lieben, wird es denen ergehen, die sich dem Müßiggang
hingeben, anstatt zu arbeiten. Sie werden, wie unser Rasiermesser,
ihre scharfe Schneide verlieren, und der Rost der Unwissenheit wird
ihre Form verderben.
Stahl und
Stein
Ein Stein, der von einem Feuerstahl geschlagen wurde, verwunderte
sich sehr und sagte zu diesem mit strenger Stimme: "Warum bist du so
unverschämt und plagst mich in dieser Weise? Tue mir kein Leid an;
denn du hast mich irrtümlich genommen. Ich habe noch nie jemandem
missfallen." Darauf antwortete der Feuerstahl: "Wenn du geduldig
bist, wirst du sehen, dass etwas Wunderbares aus dir hervorgeht."
Nach diesen Worten war der Stein friedlich, hielt die Marter
geduldig aus und sah, wie aus ihm ein wunderbares Feuer geschlagen
wurde, das man in zahllosen Dingen wirken sehen kann.
Das ist zu denen gesagt, die am Anfang ihrer Studien erschrecken.
Aber wenn sie beginnen, sich selbst in Zucht nehmen, und sich
geduldig und mit Ausdauer ihren Studien widmen, gelangen sie zu
erstaunlichen Leistungen.
Die Zeder und die anderen
Bäume
In einem Garten, zusammen mit vielen anderen Bäumen, wuchs eine
herrliche Zeder. Zu jeder Jahreszeit mehrte sich ihre Schönheit;
ihre Spitze ragte in den Himmel, über alle Bäume hinaus.
"Räumt mir diesen Nussbaum aus dem Weg!" sprach die hochmütig
gewordene Zeder.
Und der Nussbaum fiel.
"Fort mit diesem Feigenbaum!" sagte die Zeder weiter. "Er langweilt
mich." Und der
Feigenbaum wurde gefällt.
"Befreit mich von diesen Apfelbäumen!" fuhr die Zeder fort, ihr
Haupt in die Höhe reckend.
Und die Apfelbäume wurden zum Mittag beseitigt.
So ließ die Zeder, ein ums andere Mal, alle anderen Bäume
beseitigen, um alleiniger Herrscher des großen Gartens zu sein.
Aber eines Tages kam ein großer Wirbelsturm. Die so herrliche Zeder
widerstand mit allen ihren Kräften und klammerte sich mit den langen
Wurzeln an die Erde; aber der Sturm, dem keine anderen Bäume im Wege
standen, bog sie und zerrte an ihr. Und schließlich streckte er sie
mit einem Krachen zu Boden.
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