Fabelverzeichnis
Autorenverzeichnis
Buch 1

Lessing Gotthold Ephraim
*22. Januar 1729 in Kamenz (Sachsen);
†15. Februar 1781 in Braunschweig
Sein Vater war
Pastor. Der junge Lessing besuchte zuerst die Stadtschule in Kamenz,
von 1741-1746 die Fürstenschule in Meißen. Er studierte danach
Medizin (1746-1748) und Theologie in Leipzig. Danach lebte er als
freier Schriftsteller in Berlin, wo er für mehrere Zeitungen
schrieb.
Er war der wichtigste deutsche Dichter der Aufklärung. Mit seinen
Dramen und seinen theoretischen Schriften hat er die weitere
Entwicklung der deutschen Literatur wesentlich beeinflusst.
Lessings kurze Abhandlung über die Fabel:
Von dem
Wesen der Fabel
Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse
Absicht verbindet, heißt eine Fabel.
So heißt die Erdichtung, welche er durch die Epopee, =
episches Dichtwerk
durch das Drama herrschen lässt, die Fabeln seiner Epopee, die Fabel
seines Drama.
Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die
so genannte aesopische Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung,
eine Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet.
Man erlaube mir, gleich anfangs einen Sprung in die Mitte meiner
Materie zu tun,
um eine Anmerkung daraus herzuholen, auf die sich
eine gewisse Einteilung der aesopischen Fabel gründet, deren ich in
der Folge zu oft gedenken werde und die mir so bekannt nicht
scheinet, dass ich sie, auf gut Glück, bei meinen Lesern
voraussetzen dürfte.
Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen
Vorfällen. Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfälle meistens
erdichtet oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern
bloß an diese oder jene allgemeine Wahrheit, bei Verfertigung der
ihrigen gedacht. Diese begnügten sich folglich, die allgemeine
Wahrheit, durch die erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erläutert zu
haben; wenn (während) jener noch über dieses die Ähnlichkeit seiner
erdichteten Geschichte mit dem gegenwärtigen wirklichen Vorfalle
fasslich machen und zeigen musste, dass aus beiden, sowohl aus der
erdichteten Geschichte als dem wirklichen Vorfalle, sich eben
dieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiss ergeben werde.
Und hieraus entspringt die Einteilung in einfache und
zusammengesetzte Fabeln.
Einfach ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten
Begebenheit derselben bloß irgendeine allgemeine Wahrheit folgern
lasse.-
»Man machte der Löwin den Vorwurf, dass sie nur ein Junges zur Welt
brächte. Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Löwen.« Aesop: Die
Löwin und die Füchsin
Die Wahrheit, welche in dieser Fabel liegt, leuchtet sogleich in die
Augen; und die Fabel ist einfach, wenn ich es bei dem
Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse.
Zusammengesetzt hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit,
die sie uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen wirklich
geschehenen oder doch als wirklich geschehen angenommenen Fall
weiter angenommen wird.-
»Ich mache, sprach ein höhnischer Reimer zu dem Dichter, in einem
Jahre sieben Trauerspiele, aber du? In sieben Jaren eines! Recht,
nur eines! versetzte der Dichter, aber eine Athalie!«
(Letztes Drama Jean Baptiste Racines 1693-99, - 1691 erschienen.–
Man machte dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel
wird zusammengesetzt. Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus
zwei Fabeln, aus zwei einzelnen Fällen, in welchen
beiden ich die Wahrheit eben desselben Lehrsatzes bestätiget finde.
Diese Einteilung aber – kaum brauche ich es zu erinnern – beruhet
nicht auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst,
sondern bloß auf der verschiedenen Bearbeitung derselben. Und aus
dem Exempel schon hat man es ersehen, dass eben dieselbe Fabel bald
einfach, bald zusammengesetzt sein kann.
Bei Phaedrus ist die Fabel von dem kreißenden Berge
eine einfache Fabel. Fabel IV 23
Hoc scriptum est tibi,
Qui magna cum minaris, extricas nihil.
»Das ist gesagt für dich, / Der Großes drohet, aber Nichts erfüllt.«
Ein jeder, ohne Unterschied, der große und fürchterliche Anstalten
einer Nichtswürdigkeit wegen macht, der sehr weit ausholt, um einen
sehr kleinen Sprung zu tun, jeder Prahler, jeder viel versprechende
Tor, von allen möglichen Arten, siehet hier sein Bild!
Bei unserem Hagedorn*
aber wird ebendieselbe Fabel zu einer
zusammengesetzten Fabel, indem er einen gebärenden schlechten
Poeten zu dem besondern Gegenbilde des kreißenden Berges macht.
*Friedrich
von Hagedorn (1708-54), dt. Dichter; Versuch in poetischen Fabeln
und Erzählungen (1738) nach dem Muster La Fontaines.
Ihr Götter
rettet! Menschen, flieht!
Ein schwangrer Berg beginnt zu kreißen
Und wird jetzt, eh’ man sich’s versieht,
Mit Sand und Schollen um sich schmeißen. etc.
- - - - - - -
Suffenus schwitzt und lärmt und schäumt:
Nichts kann den hohen Eifer zähmen;
Er strampft, er knirscht; warum? er reimt
Und will jetzt den Homer beschämen. etc.
- - - - - - -
Allein gebt acht, was kommt heraus?
Hier ein Sonett, dort eine Maus.
Diese Einteilung also, von welcher die Lehrbücher der Dichtkunst ein
tiefes Stillschweigen beobachten, ungeachtet ihres mannigfaltigen
Nutzens in der richtigern Bestimmung verschiedener Regeln: diese
Einteilung, sage ich, vorausgesetzt, will ich mich auf den Weg
machen.
Es ist kein unbetretener Weg. Ich sehe eine Menge Fußstapfen vor
mir, die ich zum Teil untersuchen muss, wenn ich überall sichere
Tritte zu tun gedenke. Und in dieser Absicht will ich sogleich die
wichtigsten Erklärungen prüfen, welche meine Vorgänger von der Fabel
gegeben haben.
Quelle: ©1992 Reclam/ G.E.Lessing Abhandlungen
über die Fabel