Fabelverzeichnis

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Buch 6
 
Der Hirt und der Löwe
Der Löwe und der Jäger
Phöbus und Boreas
Jupiter und der Pächter
Der Hahn, die Katze und das Mäuschen
Der Fuchs, der Affe und die Tiere
Das Maultier, das sich seiner Abstammung..
Der Greis und der Esel
Der Hirsch, der sich im Wasser spiegelt
Der Hase und die Schildkröte
Der Esel und seine Herren
Die Sonne und die Frösche
Der Landmann und die Schlange
Der kranke Löwe und der Fuchs
Der Vogelsteller, der Habicht und die.Lerche
Das Pferd und der Esel
Der Hund, dem wegen seines Schattens seine..
Der Fuhrmann, der sich festgefahren hat
Der Marktschreier
Die Zwietracht
Die junge Witwe

Fab.1
Der Hirt und der Löwe

Die Fabeln sind nicht, was sie scheinen wollen:
Es spielt manch schlichtes Tier in ihnen große Rollen.
Die nüchterne Moral mag oft langweilig sein,
mit der Erzählung prägt die Lehre leicht sich ein.
Dergleichen Dichtung soll belehren und behagen;
erzählen, nur um zu erzählen, will nichts sagen.
Drum fand so manch berühmter Mann zumeist
in dieser Dichtungsart Erheitrung für den Geist.
Den Schwulst vermieden sie und allzu große Länge,
man trifft bei ihnen nie unnützes Wortgepränge.
Phädrus schrieb so gedrängt, daß mancher in darob
getadelt hat; sogar noch knapper ist Äsop.
Ein andrer Grieche sucht mehr noch als er die Würze
des Witzes in lakon'scher Kürze,
denn sein Gedicht beschränkt stets auf vier Verse sich –
ob gut, ob schlecht, entscheid' ein Klügerer als ich.
Wir sehn Äsop und ihn die gleichen Stoffe wählen,
von einem Hirten ihn, den anderen von einem Jägersmann erzählen.
Ich folge ganz getreulich diesen zwei'n,
beiläufig nur flecht' ich manch kleinen Zug noch ein.
Vernehmt nun, wie Äsop es ungefähr erzählte:

Ein Hirt bemerkt', daß manches Schaf ihm fehlte,
und hätt' den Räuber gern ertappt um jeden Preis.
In einer Höhle birgt er sich und legt im Kreis
Wolfsfallen, da den Wolf er im Verdacht hat.
»Du Fürst der Götter in der Höh'«,
ruft er, »o schaff, daß ehe ich von hinnen geh',
das Tier ich fange, das den Raub gemacht hat!
Gewährst du diese Freude mir,
so werde ich von zwanzig Kälbern hier
das allerschönste dir verehren!«
Aus seiner Höhle tritt ein Löwe stark und groß,
sich duckend ruft der Hirt, vor Schrecken regungslos:
»Daß wir doch nie verstehn, was wir begehren!
Um in den Fallen hier den Räuber, der schon halb
die Herde mir zerstörte, einzufangen, siehe,
o Fürst der Götter, Jupiter, versprach ich dir ein Kalb;
ich opfre dir ein Rind, schaffst du, daß er entfliehe!«

So hat's der erste uns erzählt; nun gebt gut acht,
wie's ihm der andre nachgemacht.

Fab.2
Der Löwe und der Jäger

Ein Prahlhans, der das edle Waidwerk übte,
verlor einst einen schönen Hund, den er sehr liebte,
und meint', ein Löwe hab' ihn weggerafft.
»Wo haust der Dieb?«, so fragt der Tiefbetrübte
'nen Hirten, den er trifft. »Daß ich mit Kraft
sogleich den Frechen zieh' zur Rechenschaft!«
Darauf der Hirt: »Er wohnt am Berge drüben.
Ich zahl' ihm monatlich gewissenhaft
'nen Hammel als Tribut. So hüt' ich nach Belieben
mein Vieh im Feld, und er läßt mich in Ruh'.«
Indes sie also reden, kommt im Nu
der Löwe her mit schnellem Schritte.
Der Prahlhans nimmt Reißaus, und sagt sodann:
»O Jupiter, zeig eine Stätte mir, ich bitte,
wohin ich vor dem Leu mich retten kann!«

Der wahre Mut wird sich nur zeigen
in der Gefahr, die uns zu Leibe rückt.
Der sie gesucht, hat sich wie alle Feigen,
sobald sie vor ihm stand, gedrückt
.

Fab.3
Phöbus und Boreas

Der Nordwind und die Sonne sahen einen Reitersmann,
zu seinem Glück vorsorglich angetan
mit wärmendem Gewand. Herbstwinde wehen
und raten jedem Wanderer sich vorzusehen.
Erst regnet es, dann scheint die Sonne, und es mahnt
der Regenbogen jedermann, der weite Reisen plant,
daß er den Mantel immer mit sich trage –
der Römer nannt' sie drum die zweifelhaften Tage.
Der Mann hatt' also sich für Regen vorgesehn
mit gutem festem Stoff und doppeltem Gewande.
»Der meint wohl«, sprach der Wind, »ganz sicher jetzt zu gehn
für jeden Fall; doch hat er übersehn,
daß so zu blasen ich imstande,
daß nicht ein Knopf ihm hält! Wenn ich nur will, muß hier
der Mantel gleich zum Teufel fliegen.
Der Spaß macht uns gewiß Vergnügen!
Soll ich's mal tun?« - »Ja, meinetwegen, wetten wir«,
sagt' Phöbus drauf, »wem von uns beiden
am ersten es gelingt, ihn zu entkleiden,
der reitet auf dem Felde dort.
Fang an; mein strahlend Licht verdunkle ich sofort.«
Mehr braucht' es nicht. Und mit Geschnaufe
bläst Boreas sich mächtig auf,
macht einen Höllenlärm darauf,
zischt, pfeift und stürmt einher, deckt ab in seinem Laufe
so manches Dach und spült so manches Schiffchen an den Strand –
und alles das um ein Gewand!
Der Reiter war bedacht, daß in des Mantels Falten
der Sturm sich nicht verfangen sollt'.
Das schützt' ihn. Und der Wind, er schafft es nicht, was er gewollt.
Je mehr er tobt, je mehr hält jener fest geschlossen
den Mantel, auch wenn ihm der Kragen wird zerfetzt.
Doch nun, sobald die Frist verflossen,
die sie in ihrer Wette festgesetzt,
verscheucht die Sonne plötzlich Wolk' und Regen,
erwärmt den Reiter und macht endlich ihm so heiß,
daß er den Mantel abzulegen
gezwungen wird, durchnäßt von Schweiß;
es war nicht einmal nötig, daß mit aller Macht sie glühte.

Mehr als Gewalt bewirken Mild' und Güte.

Fab.4
Jupiter und der Pächter

Es hatte Jupiter einst zu vergeben eine Pacht.
Merkur veröffentlicht's, und manche kamen,
die sie in Augenschein auch nahmen;
doch war es schwerer als gedacht:
Dem einen will das Gut nicht recht gefallen,
der andere findet hoch den Preis;
indes sie feilschen kalt und heiß,
erklärt der Keckste, doch der Klügste nicht, von allen
zur Zahlung sich bereit, wenn nach geschlossner Pacht
ihn Jupiter zum Herrn des Wetters macht'
und ihm gestatte, nach Befinden
der Kält' und Wärme wie dem Sonnenschein, den Winden,
der Nässe und der Trockenheit
ganz zu gebieten jederzeit.
Der Gott stimmt zu. Und mit der Laune eines Kindes
macht sich der Mann zum Herrn des Windes.
Die Nachbarschaft, die spürt' und sah
davon nicht mehr, als wär' es in Amerika.
Ein Segen war's für sie: Gar reich sind ihre Saaten
und üppig Korn und Wein geraten.
Doch magre Ernte bringt der Pächter ein.
Im nächsten Jahr sollt's anders sein!
Nun glaubt' er klüger sich und machte
ganz andres Wetter; doch sein Feld
war darum besser nicht bestellt,
indes der Nachbarn Land gar reiche Ernte brachte.
Was tun? Jetzt wendet er sich an den Herrn der Welt,
ihm seine Torheit zu gestehen.
Der nahm ihn auf, wie stets ein milder Herr es tut.

Die Vorsehung, wie wir hier sehen,
weiß besser als wir selbst, was nötig ist und gut
.

Fab.5
Der Hahn, die Katze und das Mäuschen

Ein junges Mäuschen, das nichts von der Welt noch sah,
kam dem Verderben ziemlich nah.
Hört, wie's der Mutter selbst erzählt sein Abenteuer:

»Den Berg erklimm' ich, der dort unser Reich umschließt,
und wie ein Kind, das froh genießt,
renn' ich und freu' mich ungeheuer.
Zwei Tiere staunend dann mein Blick gewahrt,
das eine mild, von sanfter Art,
das andre flatternd ungestüm und springend,
die Stimme rauh und markdurchdringend,
aufs Haupt ein Stückchen Fleisch geklebt
und eine Art von Arm, den wie zum Flug es hebt;
dahinter sah ich einen Schweif aufragen
und einen Helmbusch gleich zur Schau getragen.«
Was war's? Es war ein Hahn,
den unser Mäuschens Augen sahn,
und schilderten wie aus Amerika gekommen.
»Die Seiten schlug er«, sprach's, »mit seinen Armen sich
und machte einen Lärm so fürchterlich,
daß ich, dem, Gott sei Dank, nicht leicht der Mut benommen,
in rascher Flucht mein Heil gesucht
und ihn von Herzensgrund verflucht.
Wär' dieses Schreckensvieh nicht da gewesen,
hätt' ich Bekanntschaft wohl mit jenem feinen Tier
gemacht; es ist so sammetweich wie wir,
gefleckt, langschwänzig, von demütig sanften Wesen,
bescheidnem Blick und doch mit Augen glänzend klar;
und Freundschaft fühlt's, ich glaub's fürwahr,
für unser edles Volk; auch gleichen seine Ohren
ganz denen, die uns angeboren.
Ich hätt' mich ihm genähert, wäre bei dem schrillen Ton
des andern Tiers nicht besser mir die Flucht erschienen.«

Die Alte drauf: »Die Katze war's, mein Sohn,
die unter heuchlerischen Mienen
sich gegen unser ganz Geschlecht
nichtswürd'ger Bosheit nur erfrecht.
Das Tier, das dich erschreckte, ist gerade
sehr weit davon entfernt, daß es uns schade;
es dient vielleicht uns einst als gutes Mal. Doch sie,
die Katze, lebt von uns und frißt uns, Groß' und Kleine.
So hüte dich uns schätz' im Leben nie
die Leute nach dem äußern Scheine.«

Fab.6
Der Fuchs, der Affe und die Tiere

Die Tiere fanden nach dem Tod des Leu'n,
der bis dahin als Fürst im Land regierte,
vereint zu neuer Königswahl sich ein.
Man holt' die Krone, die den Sel'gen zierte –
ein Drache hatte sie verwahrt in sicherem Verlies -,
doch als man sie nun allen aufprobierte,
war keiner, dem sie passend sich erwies:
Es waren bald zu klein und bald zu groß die Köpfe,
und Hörner waren hinderlich für etliche Geschöpfe.
Der Affe auch kommt an die Reih'
und setzt die Krone auf mit viel Geschrei
und treibt dabei so fratzenhafte Dinge,
Kunststücke macht er, tausend Affensprünge,
hüpft dann hinein, als ob ein Reif es wär'.
Und das gefällt den Tieren gar so sehr,
daß er gewählt wird und ihm alle huld'gen.

Der Fuchs nur fand die Wahl nicht zu entschuld'gen;
doch schlau verbarg er, was er sich gedacht.
Als er dann seine Huldigung dem Affen dargebracht,
sagt er: »Ich weiß, o Herr, ein heimlich Örtchen,
kein andrer weiß davon ein Sterbenswörtchen;
und jeder Schatz, nach Recht der Krone steht
er zur Verfügung Eurer Majestät.«
Der neue Fürst, den's nach dem Geld gelüstet,
läuft eiligst hin, damit er's nicht verpaßt.
Doch war es eine Falle und er ward gefaßt.
Da sprach der Fuchs, den andern gleich entrüstet:
»Soll das noch länger unser Herrscher sein,
der selbst sich nicht zu führen weiß?«
Vom Throne verstießen sie den Affen da, und alle stimmten ein:

Es sind nur wenige geschaffen für die Krone.

Fab.7
Das Maultier, das sich seiner Abstammung rühmt

Ein bischöfliches Maultier war stolz auf seinen Adel:
Die Stute, seine Mutter, war,
wie stets es prahlte, ganz und gar
'ne Heldin ohne Furcht und Tadel.
Bald war sie hier, bald dorthin sie gegangen,
ihr Sohn trug darum das Verlangen
auch in der Nachwelt fortzuleben.
Der Dienst bei einem Arzt war ihm als Schmach erschienen,
doch als das Maultier alt war, mußt' es bei der Mühle dienen.
Sein Vater war ein Esel und das minderte sein Streben.

Bewirkte das Unglück weiter nichts
als die Belehrung eines dummen Wichts,
so stimmte jeder überein:
Es kann durchaus recht nützlich sein
.

Fab.8
Der Greis und der Esel

Auf seinem Esel ritt ein alter Mann; er fand
ein üppig grünes Wiesenland,
stieg ab und läßt den Esel grasen.
Der wirft sich auf den weichen Rasen,
wälzt sich, indem er fröhlich kaut,
springt, hüpft und schreit vor Wonne laut
und hat manch Plätzchen kahlgefressen.
Doch ach, es naht der Feind indessen.
»Nun laß uns eiligst fliehen!« ruft
der Greis. »Weshalb?« fragt ihn der Schuft.
»Trag' doppelt ich? Meinst du, daß man zu zwei'n mich reite?«
»Das nicht«, sagt ihm der Greis und sucht dann schnell das Weite.
»Was liegt mir dran, wem ich gehöre?« spricht das Tier.
»Laß mich nur hier, ich bleibe gern;
als Feind betracht' ich meinen Herrn.
Nun flieh so schnell du kannst von hier!«

Fab.9
Der Hirsch, der sich im Wasser spiegelt

In einer Quelle klarem Spiegel schaute
ein Hirsch sein stattliches Geweih.
Er pries es, daß so schön es sei,
und freute sich, jedoch ihm graute
vor seinen dürren Spindelbeinen,
die er verkürzt sah in der Flut erscheinen.
Das Spiegelbild beschaut er kummervoll und klagt:
»Wenn meine Beine doch dem Kopf gleichkämen!
Während die Stirn ins hohe Astwerk ragt,
muß ich mich meiner Beine schämen!«
Wie er so zu sich selber spricht,
ergreift vor einem Spürhund er die Flucht
und eilt zum Wald, wo Schutz er sucht.
Doch das Gehölz ist gar so dicht,
und sein Geweih hält ihn im Lauf
als hinderlicher Schmuck fortwährend auf.
Da widerruft er und verwünscht die Gabe, die
der Himmel jährlich ihm verlieh.

Wer nur das Schöne schätzt, wird Nützliches verachten –
Schönheit jedoch führt oft Gefahr herbei.
Die Füße schmäht' der Hirsch, die doch behend ihn machen,
und pries sein schädliches Geweih.

Fab.10
Der Hase und die Schildkröte

Wer zu spät aufbricht, kommt – so schnell er laufen mag, verspätet an;
die Schildkröt' und der Hase lassen diese Einsicht uns gewinnen.

»Was wetten wir«, sagt' sie, »du kommst nicht an
beim Ziel so schnell wie ich!« - »Bist du bei Sinnen?«
erwiderte das leichtfüßige Tier.
»Gevatterin, du hast, scheint mir,
ein Quentchen Nieswurz nötig!«
»Zur Wette bin ich dir erbötig.«
Gesagt, getan – es wurde jetzt
am Ziel der Wettpreis aufgestellt.
Was dann? Daran ist nichts gelegen,
noch wen zum Richter man erwählt'.
Der Hase brauchte nur vier Schritt' zurückzulegen;
doch macht er deren mehr, weil er, von Furcht beseelt
vor Hunden, diesen erst ein Schnippchen denkt zu schlagen:
Er läßt sie durch die Heide jagen.
Noch hat er Zeit, zu grasen ringsumher,
zu schlafen und zu sehn, woher
der Wind weht. Und die Schildkröt' läßt er
in aller Ruhe gehen ihren Ratsherrngang.
Sie tut's und eilt mit Weil' und bester
Entfaltung ihrer Kraft den Weg entlang.
Dem Meister Lampe scheint ein solcher Sieg verächtlich,
es scheint die Wette ihm inzwischen unbeträchtlich
und hält's für Ehrensache, möglichst lang
zu zögern; und so grast er, legt sich nieder
und denkt an alles eher wieder
als an die Wette. Wie er schon dem Ende
der Bahn sieht die Gefährtin nah,
da schießt er pfeilschnell hin. Doch wie behende
er nun auch ist – die Schildkröt' ist als erste da.
»Was sagst du jetzt?« so ruft sie triumphierend aus.
»Was nützt die Schnelligkeit dir nun?
Gewonnen habe ich! Was würdest du wohl tun,
trügst auf den Rücken du wie ich ein Haus?«

Fab.11
Der Esel und seine Herren

Ein Gärtneresel hat beim Schicksal sich beklagt,
daß vor dem Frührot man ihn zwinge aufzustehen.
»Krähn auch die Hähne noch so früh«, hat er gesagt,
»mich kann noch früher wach man sehen.
Weshalb? Damit zu Markt das Grünzeug wird geführt.
Ein schöner Grund fürwahr, mir meinen Schlaf zu stören!«
Das Schicksal, das sein Klagen rührt,
gibt einen andern Platz ihm: Statt dem Gärtner zu gehören
kriegt ein Gerber jetzt das Tier zum Herrn.
Der Felle Last und ihr Geruch, schon schlimm von fern,
war's, was das dumme Vieh 'nes Bessern bald belehrte.
»Beim ersten Herrn«, so spricht es, »wär' ich wieder gern!
Bei dem, wenn er den Rücken kehrte,
hat man doch dann und wann erhascht
ein hübsches Köpfchen Kohl, das man umsonst genascht.
Hier gibt es nichts, und wenn ich mal davon was trage,
sind's Schläge!« Nochmals änderte sich seine Lage,
als er zu einem Köhler kam,
der ihn in seine Dienste nahm.
Der Esel klagt. »Wie?« hört man das Schicksal zornig sagen.
»Fürwahr, dies Langohr quält mich mehr,
als mich zehn Fürsten können plagen!
Meint er, daß er allein so unzufrieden wär'?
Soll ich für ihn nur Sorge tragen?«

Das Schicksal hatte recht. Wir sind nun einmal so.
Mit ihrer Lage nie zufrieden sind die Leute,
der schlimmste Tag ist stets das Heute,
und unsrer Bitten wird der Himmel nimmer froh.
Ja, selbst wenn Jupiter nach unserem Willen alles ließ' geschehen,
er würde dennoch uns nicht glücklich sehen.

Fab.12
Die Sonne und die Frösche


Froh war das Volk bei des Tyrannen Hochzeitsreigen,
und seine Sorg' ertränkt's in Wein.
Äsop allein fand, daß die Leute töricht sei'n,
so große Freude drob zu zeigen.

Der Sonne, sagte er, fiel's eines Tages ein,
mit Eheplänen sich zu tragen.
Alsbald hört von des Teichs Bewohnern man ein Schrei'n,
ihr Schicksal hört man sie beklagen
einstimmig und aus voller Kraft:
»Was wird aus uns, kriegt sie Nachkommenschaft?
Mit Not erträgt man nur der einen Sonne Segen;
ein halbes Dutzend würde trockenlegen
das Meer und alles, was drin wohnt. Wie schauderhaft!
Leb wohl denn, Schilf und Sumpf! Um uns ist es geschehen,
zum Styx wird unser Stamm bald gehen!«

Mich dünkt, es saßen zwar nur Frösche zu Gericht,
doch ganz so unrecht hatten diese Tiere nicht
.

Fab.13
Der Landmann und die Schlange


Äsop erzählt: Es war ein Bauer
gutmütig, aber unbedacht,
der hat ihm winterlichen Schauer
die Runde um sein Gut gemacht.
Da sieht im Schnee er eine Schlange hingestreckt,
vor Frost erstarrt, gelähmt und beinah schon verreckt,
dem Tod verfallen ohne Schonung.
Der Landmann trägt sie hin in seine Wohnung.
Nicht fragend, was er wird'
als Lohn für diese Tat erleben,
legt er sie warm an seinen Herd
und bringt sie so zurück ins Leben.
Kaum fühlt das Tier sich frei von der Erstarrung Bann,
als mit dem Leben ihm die Wut zurückgegeben.
Es hebt das Haupt empor, es zischt ihn an,
sich krümmend schießt es los auf jenen Mann,
der sein Wohltäter war und ihm geschenkt das Leben.
»Ist das der Lohn, den du mir denkst zu geben?
Stirb, Undankbare!« spricht er. In gerechtem Haß
greift er nach seinem Beil, und mit zwei guten Hieben
macht er aus ihr drei Schlangen, daß
Kopf, Rumpf und Schwanz getrennt nun blieben.
Der Wurm versucht zu einen, was zerstückt;
es ist ihm aber nicht geglückt.

Es soll der Mensch sich Dank erwerben;
allein von wem? Das fragt sich hier.
Die Undankbaren sehen wir
zumeist im Elend sterben
.

Fab.14
Der kranke Löwe und der Fuchs

Vom König der Tiere, der
krank lag, erging an die Vasallen
die Botschaft, daß zur Höhle her
Gesandtschaft von den Tieren allen
zu kommen hätt', und zwar sofort.
Auch ward verbrieft auf Löwenwort
gute Behandlung den Gesandten
wie dem Gefolg' und den Trabanten –
ein Schutzbrief, dem man sollt' vertraun,
'ne Bürgschaft gegen Zähn' und Klau'n.
Gehorsam hin zur Höhle wallen
Gesandte von den Tieren allen.
Die Füchse nur blieben zu Haus,
und einer sprach wie folgt sich aus:
»Die Spuren, die im Sand zu sehen,
sie führen in des Kranken Heim.
Ich seh' sie alle vorwärts gehen,
indes nicht eine einz'ge rückwärts weist!
Da kann man kein Vertrauen fassen;
es möge Majestät uns den Besuch erlassen.
Daß sie uns schützt, wir glauben's fest.
Wir wissen auch wie hingelangen
zur Höhle – doch mit Bangen
fragen wir uns, wie man sie wohl verläßt.«

Fab.15
Der Vogelsteller, der Habicht und die Lerche

Oft muß der Bösen Mißetat
der unsern zur Entschuld'gung dienen.
Folg in der Welt dem guten Rat:
Willst du, daß andre dir wohltun, tu wohl auch ihnen.

Vögel zu fangen war ein Mann bestrebt
mit einem Spiegel. Eine Lerche ward gelockt vom blanken Scheine;
gleich schießt ein Habicht, der darüber schwebt,
herab und stürzt sich auf die Kleine,
die fröhlich singt, obwohl ihr naht der Tod.
Vermieden hatte sie die trügerische Falle,
da vom Raubvogel sieht sie plötzlich sich bedroht,
schon fühlt sie seine tück'sche Kralle.
Indes der Habicht rupft das arme Vögelein
fängt er sich selber in des Netzes Maschen ein.
»Ach, Vogler, laß mich los!« hat bittend er gesprochen.
»Was tat ich je zuleide dir?«
Der Vogler sagt ihm drauf: »Und jenes kleine Tier,
hat es denn mehr an dir verbrochen?«

Fab.16
Das Pferd und der Esel

Hilfreich sei einer stets dem andern in der Welt;
dein Nachbar stirbt, und sicher fällt
auf deine Schultern seine Bürde.

Mit einem Esel ging ein edles Pferd einher,
trug nichts als sein Geschirr; das Langohr trug so schwer.
Der Ärmste fühlt', daß er der Last erliegen würde;
er bat das Pferd, es möcht' ihm seinen Beistand leihn,
sonst müßt er vor der Stadt erliegen seinen Leiden.
»Die Bitte«, sagt' er, »ist im Grunde sehr bescheiden,
die Hälfte meiner Last ist doch für dich ein Kinderspiel!«
Das Pferd verweigert's ihm mit höhnischer Gebärde;
da sieht er den Gefährten sinken tot zur Erde.
Nun sieht er rasch sein Unrecht ein.
Es wurde ihm zu seinem großen Schaden
des Langohrs Fracht zusätzlich aufgeladen
und dessen Fell noch obendrein.

Fab.17
Der Hund, dem wegen seines Schattens seine Beute entgeht

Hier ist alles eitel Schaum;
nur nach Schatten sieht man jagen
so viel Narren, daß man kaum
ihre Zahl vermag zu sagen.
Der Hund Äsops mag ihnen eine Lehre sein.

Ein Hund sah seinen Raub sich spiegeln in den Wellen,
er läßt die Beute fahren für das Bild und springt hinein.
Plötzlich beginnt der Strom zu brausen und zu schwellen;
mit Mühe nur erreicht das Ufer er,
hat weder Bild noch Beute mehr.

Fab.18
Der Fuhrmann, der sich festgefahren hat


Der Fuhrmann eines Wagens hoch mit Heu beladen sah
festsitzen sein Gefährt und keine Hilfe nah;
der Ärmste war allein auf ödem, wüstem Lande
in einem Teil der unteren Bretagne.
Nur den führt dort das Schicksal hin,
den's rasen machen will in ganz besondrer Weise;
Gott schütz' uns alle vor der Reise!

Der arme Fuhrmann sitzt hier fest; da wird er wild –
hört nur, wie alles er verwünscht! Er tobt und schilt,
in Wut nach Zornesworten suchend
und bald die schlechten Wege, bald sein elendes Gespann,
den Wagen und sich selbst verfluchend.
Zuletzt ruft er den Gott, von dessen Werken man
hochrühmlich reden hört in allen Sagen.
»O Herkules, steh bei mir!« spricht er, fleht ihn an:
»Du, der den Erdball einst getragen,
hilf mir aus diesem Ungemach!«
Nach diesem Stoßgebet vernahm vom Himmel droben
er eine Stimme, die so sprach:
»Herkules will, man soll erproben
die eigne Kraft, dann hilft er gern. Sieh nach, woher
das Hindernis, das es dir macht so schwer!
Entfern zuerst von jedem Rade
den dicken Mörtelsand, den Schmutz und Schlamm, der grade
bis an die Achse sie umschwemmt;
die Hacke nimm, zerschlag den Kiesel, der dich hemmt.
Mach das Geleise frei! Bist fertig?« -»Ja!«
Die Stimme drauf: »Jetzt helf ich dir. Die Peitsche, schnell!«
»Hab' schon! Doch wie? Nun geht mein Wagen von der Stell'!
Gelobt sei Herkules!« Die Stimme: »Siehe da,
wie leicht's den Pferden wird, ihn fortzuziehen von hier?
Hilf dir, dann hilft der Himmel dir.«

Fab.19
Der Marktschreier

Stets gab es in der Welt Marktschreier massenhaft;
fruchtbar ist diese Wissenschaft
an Jüngern über alle Maßen:
Es trotzt dem Acheron auf seiner Bühne der,
der andere verkündet auf den Straßen,
daß viel bedeutender als Cicero er wär'.
Einst prahlte einer jener Geister,
der Redekunst sei so er Meister,
daß Bauernrüpel, eh's gedacht,
selbst Esel, er zu Rednern macht':
»Jawohl, mit Bauern will, mit Eseln selbst ich's wagen!
Man bring' den größten Esel mir; wie er auch sei,
ich bring' die Redekunst ihm bei,
und den Talar soll er am Ende tragen!«

Der Fürst erfuhr davon, zum Rhetor schickt' er hin:
»Den schönsten Esel hab' ich stehen
im Stall; als Redner ihn zu sehen,
das wär' so recht nach meinem Sinn.«
»Herr, du kannst alles!« spricht der gar nicht Dumme.
Man zahlt' ihm eine große Summe
dafür daß in zehn Jahren dieser Esel
reif für die Rednerbühne sollte sein.
Auf offner Straße wollt' er, sollt' es ihm nicht glücken,
sich hängen lassen dann, den Strick um Hals und Schopf,
seine Rhetorik auf dem Rücken
und Eselsohren an dem Kopf.
Einer der Höflinge meint', gerne würd' er gehen,
am Galgen ihn zu schaun; für ihn wär's eine Gunst,
den Narr als stattlichen Gehängten anzusehen!
Vergessen möcht' er bitte nicht, die ihn umstünden,
in langem Vortrag zu belehren über seine Kunst!
Recht schwungvoll müßt' der Vortrag sein, ein feiner,
und ciceronisch-meisterlich,
das schicke für die Galgenvögel sich!
»Vorher«, spricht jener, »stirbt von uns doch einer:
der Fürst, der Esel oder ich!«

Er hatte recht; nur Toren wagen,
was in zehn Jahren ist, vorauszusagen.
Trinkt, eßt und laßt uns lustig sein,
denn tot ist in zehn Jahren sicher einer von uns drei'n.


Fab.20
Die Zwietracht

Die Göttin Zwietracht hat mit einem Apfel nur
entzweit die Götter. Aus dem Himmel ohn' Erbarmen
ward sie verbannt; doch von der Kreatur,
die Mensch genannt wird, wurde sie mit offnen Armen
gleich aufgenommen. »Ja-und-Nein«,
ihr Bruder und Berater,
ebenso »Mein-und-Dein«, ihr Vater.
Sie tat die Ehr' uns an, lieber bei uns zu sein
als drüben, wo anders beschaffen
die Sterblichen, die für uns Antipoden sind,
höchst ungebildet, geistig blind;
heiratend ohne Standesamt und Pfaffen,
haben sie mit der Zwietracht nichts zu schaffen.
Damit sie stets da sei, wo der Umstände Macht
erheische, daß sie gegenwärtig,
ist Göttin Fama drauf bedacht,
ihr's zu verkünden; sie läuft hin, eilfertig,
zum Streit, da kommt's zum Frieden nimmermehr,
den kleinsten Funken facht sie an zu hellem Brande.
Zuletzt klagt Fama doch, daß rings im ganzen Lande
nicht eine sichre Wohnung wär',
wo man sie stets zu treffen wüßte,
und daß man sie so oft vergeblich suchen müßte.
Ein fester Aufenthalt sei doch Notwendigkeit,
von wo man unter Freunde und Verwandte
sie schicken könnt' zu jeder Zeit.
Indes weil damals man kein Nonnenkloster kannte,
so hatt' es seine Schwierigkeit.
Als Wohnung ward für sie zuletzt
das Haus der Ehe festgesetzt.

Fab.21
Die junge Witwe

Seufzer entlockt des Gatten Tod der zarten Brust;
laut weint man, doch der Trost kommt ohne Zögern.
Denn auf den Fittichen der Zeit entflieht die bange Trauer,
und neue Zeit bringt neue Lust.
Ob Witwe eine Frau seit einem Tag ist
oder seit Jahresfrist -
welch Unterschied! Ja, nimmer glaubt man,
dieselbe Frau vor sich zu sehen:
Die eine flieht die Welt, die andre zieht sie an;
erheuchelt oder wahr, läßt man im Gram sich gehen,
denselben Ausdruck stets im Wort und im Gesicht.
Man sagt, daß man untröstlich wäre;
man sagt's, allein man ist es nicht.
Die Fabel gibt uns diese Lehre,
die Wahrheit tut's ihr noch zuvor.

Ein junges, schönes Weib verlor
den Gatten durch den Tod. Sie stand an seiner Seite
und rief: »Erwarte mich! Dir folg' ich als Geleite,
und meine Seele schwingt, der deinen gleich, sich auf!«
Der Schönen Vater war ein Mann gar klug und weise;
erst ließ dem Strom er seinen Lauf,
dann richtet' er sie tröstend auf:
»Mein Kind, du hast zu viele Tränen schon vergossen;
was hilft's dem Seligen, wenn du im Gram zerflossen?
Das es Lebende noch gibt, so laß die Toten ruhn.
Nicht sag' ich, daß du gleich zur Stunde
in einem bessern Ehebunde
der Trauer solltest Einhalt tun;
allein, wenn ein'ge Zeit noch um, wirst du gestatten,
daß man dir vorschlägt einen jüngern, schönern Gatten,
als deiner war.« - »Ach«, rief sie schnell und laut,
»ich werde nur des Himmels Braut!«
Der Vater sah ihr nach ihr schmerzliches Verlangen.

So war ein Monat bald vergangen;
im nächsten Monat schon nahm man alltäglich wahr
manche Veränderung an Haartracht, Kleid und Kragen,
die Trauer ward als Putz getragen,
da andrer Putz noch nicht gestattet war.
Endlich kehrt Amors ganze Schar
zurück: Scherz, Spiel und Tanz, und lustig ward begonnen,
was eben an die Reihe kam;
des Abends und des Morgens nahm
ein Bad man in dem Jugendbronnen.
Der teure Sel'ge macht dem Vater nicht mehr Qual;
doch da er schweigt, fragt sie nach wen'gen Wochen:
»Papa, wo bleibt denn der Gemahl,
der junge, den du mir versprochen?«